{"id":15973,"date":"2015-07-09T08:36:57","date_gmt":"2015-07-09T06:36:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/?p=15973"},"modified":"2015-07-09T08:36:57","modified_gmt":"2015-07-09T06:36:57","slug":"der-schweizer-soziologe-jean-ziegler-80-ist-einer-der-weltweit-profiliertesten-kritiker-der-globalisierung-und-der-finanzmaerkte-von-2000-bis-2008-war-er-un-sonderberichterstatter-fuer-das-recht-au","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/2015\/07\/der-schweizer-soziologe-jean-ziegler-80-ist-einer-der-weltweit-profiliertesten-kritiker-der-globalisierung-und-der-finanzmaerkte-von-2000-bis-2008-war-er-un-sonderberichterstatter-fuer-das-recht-au\/","title":{"rendered":"Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler, 80, ist einer der weltweit profiliertesten Kritiker der Globalisierung und der Finanzm\u00e4rkte. Von 2000 bis 2008 war er UN-Sonderberichterstatter f\u00fcr das Recht auf Nahrung. In seinem neuesten Buch \u201e\u00c4ndere die Welt \u2013 Warum wir die kannibalische Weltordnung st\u00fcrzen m\u00fcssen\u201c kritisiert er drastisch und plakativ die Folgen \u201eder globalen Diktatur der Finanzoligarchie\u201c. Die B\u00f6rsenspekulation auf Grundnahrungsmittel, die unkontrollierte Macht der Gro\u00dfkonzerne sowie die immer gr\u00f6\u00dfere Ungleichheit der weltweiten Verm\u00f6gensverteilung sieht er als Folge der \u201eneoliberalen Wahnidee\u201c. Ziegler hofft auf den Zusammenschluss einer neuen Zivilgesellschaft, die von den Textilarbeitern in Bangladesh \u00fcber Kleinbauern in Afrika bis zu Attac in den westlichen Finanzmetropolen reicht."},"content":{"rendered":"<div class=\"article\">\n<div class=\"holder\">\n<div class=\"articleFoto\">\n<div class=\"imageHolder\"><a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Der Schweizer Soziologe und Globalisierungskritiker Jean Ziegler  \/ Bild: APA\/ROBERT JAEGER \" src=\"http:\/\/static.wirtschaftsblatt.at\/images\/uploads_600\/f\/4\/1\/4693825\/INTERVIEW-MIT-JEAN-ZIEGLER_142729234412431_v0_l.jpg\" alt=\"Der Schweizer Soziologe und Globalisierungskritiker Jean Ziegler \" width=\"400\" height=\"267\" \/> <\/a><\/div>\n<div class=\"ImageDescription\">\n<p>Der Schweizer Soziologe und Globalisierungskritiker Jean Ziegler \/ Bild: APA\/ROBERT JAEGER<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><strong>WirtschaftsBlatt:<\/strong><em> Der Untertitel ihres neuesten Buches hei\u00dft &#8220;Warum wir die kannibalische Weltordnung st\u00fcrzen m\u00fcssen&#8221;. Was ist kannibalisch an der Welt?<\/em><\/p>\n<div id=\"article-content\" class=\"article-content\">\n<p><strong>Jean Ziegler:<\/strong> Erstens: Die totale <a href=\"http:\/\/wirtschaftsblatt.at\/home\/meinung\/kommentare\/4656978\/Einkommensverteilung_Wer-hat-dem-wird-gegeben-werden?from=suche.intern.portal\">Ungleichheit<\/a>. Laut\u00a0<a href=\"http:\/\/wirtschaftsblatt.at\/home\/nachrichten\/international\/4641872\/Die-Haelfte-des-Wohlstands-der-Welt-in-der-Hand-von-einem-Prozent?from=suche.intern.portal\">OXFAM-Bericht<\/a> besitzen ein Prozent der Weltbev\u00f6lkerung so viele Verm\u00f6genswerte wie die restlichen 99 Prozent zusammen. Zweitens: In den 122 sogenannten Entwicklungsl\u00e4ndern stirbt alle f\u00fcnf Sekunden ein Kind an Hunger, das ist ein t\u00e4gliches Massaker. Obwohl der World Food Report der UN best\u00e4tigt, dass die Landwirtschaft heute zw\u00f6lf Milliarden Menschen ern\u00e4hren k\u00f6nnte, also deutlich mehr als die aktuelle Weltbev\u00f6lkerung. Das sind die Folgen der globalisierten Diktatur des Finanzkapitals, unter der wir leben. Das ist die kannibalische Weltordnung, die ich angreife.<\/p>\n<p><em>Ich besitze auch Aktien. Bin ich deshalb ein Kannibale<\/em><\/p>\n<p><strong>Ziegler:<\/strong> Wenn Sie ihr erspartes Geld der Wirtschaft f\u00fcr Investitionen zur Verf\u00fcgung stellen, ist das sinnvoll. Aber es kommt nat\u00fcrlich auf das Unternehmen an: Es muss Teil der Realwirtschaft sein und etwas sinnvolles produzieren, also keine Waffen. Und wenn Sie viele Aktien besitzen und hohe Dividenden kassieren, ohne zu arbeiten, dann kommen Sie in die Gefahrenzone.<\/p>\n<p><em>Sind an jedem Kind, das in Afrika verhungert, die gro\u00dfen Konzerne schuld?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ziegler:<\/strong> Die 500 gr\u00f6\u00dften Konzerne kontrollieren 52,8 Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes. Die haben mehr Macht als ein Kaiser oder Papst je hatte, das ist historisch einmalig.<\/p>\n<p><em>Also sind diese Unternehmen schuld am Hunger in der Welt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ziegler:<\/strong> Ganz so simpel ist es nicht, es geht um die dahinter stehenden Strukturen. Diese Konzerne funktionieren nach nur einem Prinzip: Der Profitmaximierung, v\u00f6llig ohne soziale oder politische Kontrolle. Dahinter steckt ein System der strukturellen Gewalt. Ich kenne Nestle-Chef Peter Brabeck-Letmathe, das ist ein hochanst\u00e4ndiger Mann. Aber wenn er den Shareholder Value nicht jedes Jahr um 15 oder 20 Prozent hinaufjagt, ist er schnell weg. Das gilt f\u00fcr alle anderen Top-Manager auch. Deshalb gibt es B\u00f6rsenspekulation auf Grundnahrungsmittel, was deren Preise in die H\u00f6he treibt und Essen f\u00fcr viele Millionen Menschen unerschwinglich macht. Der Preis f\u00fcr eine Tonne Weizen hat sich in den vergangenen f\u00fcnf Jahren verdoppelt. Dort werden gigantische Profite gemacht, ganz legal. Auch das Agrar-Dumping der EU, das die Entsorgung von \u00dcbersch\u00fcssen nach Afrika subventioniert, versch\u00e4rft das Problem. Dadurch kann man in Dakar je nach Saison deutsches Gem\u00fcse um die H\u00e4lfte billiger kaufen als einheimische Produkte, verr\u00fcckt.<\/p>\n<p><em>W\u00e4re es besser, diese Lebensmittel zu vernichten?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ziegler:<\/strong> Franz Fischler war ein sehr guter Landwirtschaftskommissar, wahrscheinlich der beste, den es gegeben hat. Er hat die chemische Entsorgung der \u00dcbersch\u00fcsse erfunden. Doch da hat es einen \u00f6ffentlichen Aufschrei gegeben, woraufhin das Dumping wieder aktiviert wurde. Viele afrikanische Bauern rackern sich auf ihren Feldern ab und haben nicht die geringste Chance, auf ein Existenzminimum zu kommen. So produziert die EU Hunger in Afrika. Und wenn die Fl\u00fcchtlinge dann nach Europa kommen, werden sie zur\u00fcck ins Meer geworfen. Das ist absolut verlogen.<\/p>\n<p>Hinzu kommt die totale \u00dcberschuldung der \u00e4rmsten L\u00e4nder. Sie k\u00f6nnen kein Geld in die Landwirtschaft investieren, weil alles bei den Gl\u00e4ubigerbanken landet. Vergangenes Jahr sind in Schwarzafrika 41 Millionen Hektar Ackerland von Konzernen mit Unterst\u00fctzung der Weltbank aufgekauft worden. Wenn dort sozial verantwortlich investiert werden w\u00fcrde, w\u00e4re das ja nicht schlimm. Tats\u00e4chlich werden die Bauern aber vertrieben und es werden Blumen und Lebensmittel angepflanzt, die dann nach Europa und in anderen Regionen mit hoher Kaufkraft exportiert werden. Das ist reinster Landraub.<\/p>\n<p><em>Was k\u00f6nnen nationale Regierungen dagegen tun?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ziegler:<\/strong> Es gibt keinen Mechanismus, keine Struktur, die nicht von Menschen gemacht worden ist \u2013 und deshalb auch von Menschen ge\u00e4ndert werden kann. Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie, diese wird uns nur eingeredet. Es geh\u00f6rt zur neoliberalen Wahnidee, dass das Wirken der Marktkr\u00e4fte ein Naturgesetz ist, das man nicht \u00e4ndern kann. Aber das ist falsch, das ist Ideologie. Wenn der \u00f6sterreichische Finanzminister im Juni zur Weltw\u00e4hrungskonferenz nach Washington f\u00e4hrt, hindert ihn nichts daran, einmal nicht f\u00fcr die gro\u00dfen Gl\u00e4ubigerbanken zu stimmen, sondern f\u00fcr die hungernden Kinder, also die Totalentschuldung der \u00e4rmsten L\u00e4nder. Die B\u00f6rsenspekulation mit Grundnahrungsmittel kann morgen fr\u00fch per Gesetz verboten werden, wenn wir das wollen.<\/p>\n<p><em>Ist es wirklich so einfach? Nicht die Politik schafft Arbeitspl\u00e4tze, sondern die Unternehmen. Dadurch haben sie automatisch eine gewisse Macht, die sich per Parlamentsbeschluss nicht abschaffen l\u00e4sst.<\/em><\/p>\n<p><strong>Ziegler:<\/strong> Die Unternehmen erbringen enorme Leistungen hinsichtlich technologischer Entwicklungen, es gibt dort unglaubliches Wissen, das bestreite ich nicht. Aber das darf nicht ohne Kontrolle geschehen. Die Bilanzsumme der UBS ist drei Mal so gro\u00df wie das Nationalprodukt der Schweiz \u2013 das ist lebensgef\u00e4hrlich f\u00fcr das Land.<\/p>\n<p><em>Was kann eine Regierung dagegen tun?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ziegler:<\/strong> In Frankreich hat das Parlament beschlossen, dass Unternehmen keine Mitarbeiter k\u00fcndigen d\u00fcrfen, wenn der Betrieb Gewinn macht. Das ist eine sinnvolle Ma\u00dfnahme gegen die Arbeitslosigkeit. In Griechenland ist es richtig, dass sich die Regierung wehrt. Mit dieser Verschuldung ist das Land in zwei Monaten zerst\u00f6rt, wenn es keinen Schuldenschnitt gibt.<\/p>\n<p><em>Der deutsche Finanzminister Sch\u00e4uble w\u00fcrde dazu sagen: Wenn jemand 1.000 Euro im Monat verdient und regelm\u00e4\u00dfig 2.000 ausgibt, wird man sein Problem nicht l\u00f6sen, indem man ihm einmalig die Schulden erl\u00e4sst. Hat er Unrecht?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ziegler:<\/strong> Fr\u00fchere Regierungen haben sich durch das gewaltige Ausma\u00df an Korruption und der tolerierten Steuerflucht schuldig gemacht gegen\u00fcber dem griechischen Volk, das ist absolut wahr. Aber die Zust\u00e4nde sind dort wirklich dramatisch, die Menschen in Athen suchen in Abfalleimern nach Nahrung, es herrscht echtes Elend. Und denen jetzt zu sagen, ihr m\u00fcsst noch mehr sparen, damit ihr der Deutschen Bank Zinsen zahlen k\u00f6nnt, das ist zutiefst unmenschlich und bringt das Land um. Denn diese Banken sind ja mitschuldig an der Situation. Die Banken haben gro\u00dfz\u00fcgig Kredite vergeben, obwohl sie wussten, dass die das Geld nicht zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen. Das ist eine Illegitime Schuld.<\/p>\n<p><em>Ihr Buch ist sehr pessimistisch\u2026.<\/em><\/p>\n<p><strong>Ziegler:<\/strong> Nein, \u00fcberhaupt nicht. Es entsteht gerade ein ganz neues Ph\u00e4nomen, die planetarische Zivilgesellschaft, die sich gegen die Ungerechtigkeiten und die Diktatur des Finanzkapitals wehrt. Beim Weltsozialforum in Tunis kommen jetzt Vertreter von 8.000 Nicht-Regierungsorganisationen zusammen. Das sind neue soziale Bewegungen, die gehorchen keiner Partei. Von Attac bis zu Initiativen von Kleinbauern, da tut sich wirklich unglaublich viel.<\/p>\n<p><em>Der n\u00e4chste gro\u00dfe Konflikt hei\u00dft <a href=\"http:\/\/wirtschaftsblatt.at\/home\/meinung\/kommentare\/4689582\/TTIP-ist-gut-fur-Osterreich?from=suche.intern.portal\">TTIP<\/a>. Wie wird das ausgehen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ziegler:<\/strong> Das ist das Armageddon, der Endkampf. Ich hoffe, dass\u00a0<a href=\"http:\/\/wirtschaftsblatt.at\/home\/nachrichten\/international\/4682941\/TTIP-Global-2000_EU-ebnet-Weg-fur-Chlorhuhn\">TTIP<\/a> nicht kommt. Der Freihandel bringt viel weniger Wachstum als gedacht. Er bedeutet aber umgekehrt, dass vieles, was erk\u00e4mpft wurde, von Schutzbestimmungen f\u00fcr Arbeitnehmer bis zu Qualit\u00e4tsstandards f\u00fcr Nahrungsmittel und Umweltauflagen, in Gefahr w\u00e4re. Wenn TTIP in dieser Form durchkommt, ist eine entscheidende Schlacht verloren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schweizer Soziologe und Globalisierungskritiker Jean Ziegler \/ Bild: APA\/ROBERT JAEGER WirtschaftsBlatt: Der Untertitel ihres neuesten Buches hei\u00dft &#8220;Warum wir die kannibalische Weltordnung st\u00fcrzen m\u00fcssen&#8221;. Was ist kannibalisch an der Welt? Jean Ziegler: Erstens: Die totale Ungleichheit. Laut\u00a0OXFAM-Bericht besitzen ein Prozent der Weltbev\u00f6lkerung so viele Verm\u00f6genswerte wie die restlichen 99 Prozent zusammen. Zweitens: In den 122 sogenannten Entwicklungsl\u00e4ndern stirbt alle f\u00fcnf Sekunden ein Kind an Hunger, das ist ein t\u00e4gliches Massaker. Obwohl der World Food Report der UN best\u00e4tigt, dass die Landwirtschaft heute zw\u00f6lf Milliarden Menschen ern\u00e4hren k\u00f6nnte, also deutlich mehr als die aktuelle Weltbev\u00f6lkerung. Das sind die Folgen der globalisierten Diktatur des Finanzkapitals, unter der wir leben. Das ist die kannibalische Weltordnung, die ich angreife. Ich besitze auch Aktien. Bin ich deshalb ein Kannibale Ziegler: Wenn Sie ihr erspartes Geld der Wirtschaft f\u00fcr Investitionen zur Verf\u00fcgung stellen, ist das sinnvoll. Aber es kommt nat\u00fcrlich auf das Unternehmen an: Es muss Teil der Realwirtschaft sein und etwas sinnvolles produzieren, also keine Waffen. Und wenn Sie viele Aktien besitzen und hohe Dividenden kassieren, ohne zu arbeiten, dann kommen Sie in die Gefahrenzone. Sind an jedem Kind, das in Afrika verhungert, die gro\u00dfen Konzerne schuld? Ziegler: Die 500 gr\u00f6\u00dften Konzerne kontrollieren 52,8 Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes. Die haben mehr Macht als ein Kaiser oder Papst je hatte, das ist historisch einmalig. Also sind diese Unternehmen schuld am Hunger in der Welt? Ziegler: Ganz so simpel ist es nicht, es geht um die dahinter stehenden Strukturen. Diese Konzerne funktionieren nach nur einem Prinzip: Der Profitmaximierung, v\u00f6llig ohne soziale oder politische Kontrolle. Dahinter steckt ein System der strukturellen Gewalt. Ich kenne Nestle-Chef Peter Brabeck-Letmathe, das ist ein hochanst\u00e4ndiger Mann. Aber wenn er den Shareholder Value nicht jedes Jahr um 15 oder 20 Prozent hinaufjagt, ist er schnell weg. Das gilt f\u00fcr alle anderen Top-Manager auch. Deshalb gibt es B\u00f6rsenspekulation auf Grundnahrungsmittel, was deren Preise in die H\u00f6he treibt und Essen f\u00fcr viele Millionen Menschen unerschwinglich macht. Der Preis f\u00fcr eine Tonne Weizen hat sich in den vergangenen f\u00fcnf Jahren verdoppelt. Dort werden gigantische Profite gemacht, ganz legal. Auch das Agrar-Dumping der EU, das die Entsorgung von \u00dcbersch\u00fcssen nach Afrika subventioniert, versch\u00e4rft das Problem. Dadurch kann man in Dakar je nach Saison deutsches Gem\u00fcse um die H\u00e4lfte billiger kaufen als einheimische Produkte, verr\u00fcckt. W\u00e4re es besser, diese Lebensmittel zu vernichten? Ziegler: Franz Fischler war ein sehr guter Landwirtschaftskommissar, wahrscheinlich der beste, den es gegeben hat. Er hat die chemische Entsorgung der \u00dcbersch\u00fcsse erfunden. Doch da hat es einen \u00f6ffentlichen Aufschrei gegeben, woraufhin das Dumping wieder aktiviert wurde. Viele afrikanische Bauern rackern sich auf ihren Feldern ab und haben nicht die geringste Chance, auf ein Existenzminimum zu kommen. So produziert die EU Hunger in Afrika. Und wenn die Fl\u00fcchtlinge dann nach Europa kommen, werden sie zur\u00fcck ins Meer geworfen. Das ist absolut verlogen. Hinzu kommt die totale \u00dcberschuldung der \u00e4rmsten L\u00e4nder. Sie k\u00f6nnen kein Geld in die Landwirtschaft investieren, weil alles bei den Gl\u00e4ubigerbanken landet. Vergangenes Jahr sind in Schwarzafrika 41 Millionen Hektar Ackerland von Konzernen mit Unterst\u00fctzung der Weltbank aufgekauft worden. Wenn dort sozial verantwortlich investiert werden w\u00fcrde, w\u00e4re das ja nicht schlimm. Tats\u00e4chlich werden die Bauern aber vertrieben und es werden Blumen und Lebensmittel angepflanzt, die dann nach Europa und in anderen Regionen mit hoher Kaufkraft exportiert werden. Das ist reinster Landraub. Was k\u00f6nnen nationale Regierungen dagegen tun? Ziegler: Es gibt keinen Mechanismus, keine Struktur, die nicht von Menschen gemacht worden ist \u2013 und deshalb auch von Menschen ge\u00e4ndert werden kann. Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie, diese wird uns nur eingeredet. Es geh\u00f6rt zur neoliberalen Wahnidee, dass das Wirken der Marktkr\u00e4fte ein Naturgesetz ist, das man nicht \u00e4ndern kann. Aber das ist falsch, das ist Ideologie. Wenn der \u00f6sterreichische Finanzminister im Juni zur Weltw\u00e4hrungskonferenz nach Washington f\u00e4hrt, hindert ihn nichts daran, einmal nicht f\u00fcr die gro\u00dfen Gl\u00e4ubigerbanken zu stimmen, sondern f\u00fcr die hungernden Kinder, also die Totalentschuldung der \u00e4rmsten L\u00e4nder. Die B\u00f6rsenspekulation mit Grundnahrungsmittel kann morgen fr\u00fch per Gesetz verboten werden, wenn wir das wollen. Ist es wirklich so einfach? Nicht die Politik schafft Arbeitspl\u00e4tze, sondern die Unternehmen. Dadurch haben sie automatisch eine gewisse Macht, die sich per Parlamentsbeschluss nicht abschaffen l\u00e4sst. Ziegler: Die Unternehmen erbringen enorme Leistungen hinsichtlich technologischer Entwicklungen, es gibt dort unglaubliches Wissen, das bestreite ich nicht. Aber das darf nicht ohne Kontrolle geschehen. Die Bilanzsumme der UBS ist drei Mal so gro\u00df wie das Nationalprodukt der Schweiz \u2013 das ist lebensgef\u00e4hrlich f\u00fcr das Land. Was kann eine Regierung dagegen tun? Ziegler: In Frankreich hat das Parlament beschlossen, dass Unternehmen keine Mitarbeiter k\u00fcndigen d\u00fcrfen, wenn der Betrieb Gewinn macht. Das ist eine sinnvolle Ma\u00dfnahme gegen die Arbeitslosigkeit. In Griechenland ist es richtig, dass sich die Regierung wehrt. Mit dieser Verschuldung ist das Land in zwei Monaten zerst\u00f6rt, wenn es keinen Schuldenschnitt gibt. Der deutsche Finanzminister Sch\u00e4uble w\u00fcrde dazu sagen: Wenn jemand 1.000 Euro im Monat verdient und regelm\u00e4\u00dfig 2.000 ausgibt, wird man sein Problem nicht l\u00f6sen, indem man ihm einmalig die Schulden erl\u00e4sst. Hat er Unrecht? Ziegler: Fr\u00fchere Regierungen haben sich durch das gewaltige Ausma\u00df an Korruption und der tolerierten Steuerflucht schuldig gemacht gegen\u00fcber dem griechischen Volk, das ist absolut wahr. Aber die Zust\u00e4nde sind dort wirklich dramatisch, die Menschen in Athen suchen in Abfalleimern nach Nahrung, es herrscht echtes Elend. Und denen jetzt zu sagen, ihr m\u00fcsst noch mehr sparen, damit ihr der Deutschen Bank Zinsen zahlen k\u00f6nnt, das ist zutiefst unmenschlich und bringt das Land um. Denn diese Banken sind ja mitschuldig an der Situation. Die Banken haben gro\u00dfz\u00fcgig Kredite vergeben, obwohl sie wussten, dass die das Geld nicht zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen. Das ist eine Illegitime Schuld. Ihr Buch ist sehr pessimistisch\u2026. Ziegler: Nein, \u00fcberhaupt nicht. Es entsteht gerade ein ganz neues Ph\u00e4nomen, die planetarische Zivilgesellschaft, die sich gegen die Ungerechtigkeiten und die Diktatur des Finanzkapitals wehrt. Beim Weltsozialforum in Tunis kommen jetzt Vertreter von 8.000 Nicht-Regierungsorganisationen zusammen. Das sind neue soziale Bewegungen, die gehorchen keiner Partei. Von Attac bis zu Initiativen von Kleinbauern, da tut sich wirklich unglaublich viel. Der n\u00e4chste gro\u00dfe Konflikt hei\u00dft TTIP. Wie wird das ausgehen? Ziegler: Das ist das Armageddon, der Endkampf. Ich hoffe, dass\u00a0TTIP nicht kommt. Der Freihandel bringt viel weniger Wachstum als gedacht. Er bedeutet aber umgekehrt, dass vieles, was erk\u00e4mpft wurde, von Schutzbestimmungen f\u00fcr Arbeitnehmer bis zu Qualit\u00e4tsstandards f\u00fcr Nahrungsmittel und Umweltauflagen, in Gefahr w\u00e4re. 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