{"id":16807,"date":"2015-11-26T18:14:14","date_gmt":"2015-11-26T16:14:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/?p=16807"},"modified":"2015-11-26T18:14:14","modified_gmt":"2015-11-26T16:14:14","slug":"die-strahlenden-reste-russischer-ruestung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/2015\/11\/die-strahlenden-reste-russischer-ruestung\/","title":{"rendered":"Die strahlenden Reste russischer R\u00fcstung&#8230;"},"content":{"rendered":"<div class=\"article-intro\">\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Die USA und Russland unterzeichnen einen Vertrag zur atomaren Abr\u00fcstung. Aber wie kann das Erbe des Kalten Krieges beseitigt werden? Ein Besuch im weltgr\u00f6\u00dften Atomm\u00fclllager an der Barentssee.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"guest-authors\">\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Von Verena Diethelm, Murmansk<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Ein 15 Meter langer Zylinder mit einem Durchmesser von rund zehn Metern ist alles, was von Wasgen Ambarzumjans einstigem Arbeitsplatz noch \u00fcbrig ist. Manchmal gehe er an dem 1600-Tonnen-Koloss vorbei und streichele liebevoll \u00fcber die rostbraune Oberfl\u00e4che, erz\u00e4hlt der fr\u00fchere Marinesoldat Besuchern mit einem Augenzwinkern.<\/p>\n<p>25 Jahre diente der Armenier als Offizier in der sowjetischen Nordflotte auf einem von zwei Kernreaktoren angetriebenen U-Boot. Mittlerweile arbeitet er f\u00fcr die Entsorgungsfirma Sewrao, eine Tochter der russischen Staatsholding Rosatom. Die Sowjetunion ist l\u00e4ngst Geschichte und damit auch ihr einstiger Stolz: Die meisten Atom-U-Boote wurden in ihre Einzelteile zerlegt. Von 1955 bis zum Zerfall der UdSSR im Jahr 1991 produzierte die Sowjetunion mehr als 240 Schiffe mit Nuklearantrieb &#8211; so viele wie kein anderes Land der Erde. Heute wird die russische Atom-U-Boot-Flotte auf nur noch 30 Einheiten gesch\u00e4tzt.<br \/>\nDieser Artikel wurde \u00fcbernommen&#8230;<\/p>\n<p>&#8230;aus der aktuellen Ausgabe der &#8220;Financial Times Deutschland&#8221;<br \/>\nDer Atomm\u00fcllberg w\u00e4chst<!--more--><\/p>\n<p>Die \u00dcberreste von Ambarzumjans Schiff liegen aufgebockt auf einer mehr als einen Meter dicken Betonplatte in der Sajda-Bucht, rund 50 Kilometer von der russischen Hafenstadt Murmansk entfernt. Dort, n\u00f6rdlich des Polarkreises, wo es im Winter nicht richtig hell wird und im Sommer nicht richtig dunkel, entsteht ein Langzeitzwischenlager f\u00fcr die Reaktorsektionen der ausgemusterten Schiffe.<\/p>\n<p>Wenn der russische Pr\u00e4sident Dmitri Medwedew und sein amerikanischer Amtskollege Barack Obama am Donnerstag in Prag das Nachfolgeabkommen des Start-Vertrags unterzeichnen, ist zwar ein weiter wichtiger Schritt zur Abr\u00fcstung der Atomwaffenarsenale getan. Gleichzeitig w\u00e4chst aber der Atomm\u00fcllberg. Dann m\u00fcssen nicht nur die abger\u00fcsteten Sprengk\u00f6pfe, sondern auch die Tr\u00e4gersysteme, also Raketen, Langstreckenbomber, Abschussrampen und weitere U-Boote entsorgt werden &#8211; die Kosten sind bislang kaum absch\u00e4tzbar.<br \/>\n20 Milliarden Dollar im Kampf gegen die Strahlung<\/p>\n<p>In Murmansk wird sichtbar, welch gro\u00dfe Aufgabe den ehemaligen Atomm\u00e4chten noch bevorsteht. Als Moskau nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion rund 200 Atom-U-Boote ausmusterte, wurden die schwimmenden Reaktoren einfach in den Buchten der Kola-Halbinsel verankert und mithilfe von Pressluft und Schwimmdocks an der Wasseroberfl\u00e4che gehalten. Doch die Bewegungen der Eisplatten und das Salzwasser setzten den Booten bald zu, radioaktives Material drohte zu entweichen.<\/p>\n<p>Erst Jahre sp\u00e4ter schreckten Berichte \u00fcber auslaufende Tanks mit radioaktiven Fl\u00fcssigkeiten, in der Barentssee verklappte Brennst\u00e4be und gesunkene Atom-U-Boote die weltweite \u00d6ffentlichkeit auf. 2002 verabschiedeten die G8-Staaten in Kanada schlie\u00dflich ein 20-Milliarden-Dollar- Programm gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und -materialien. Ein Gro\u00dfteil des Geldes kommt Russland zugute.<br \/>\nDas Misstrauen reiste mit<\/p>\n<p>Die Anlage in der Sajda-Bucht ist Teil dieser globalen Partnerschaft. Mit 600 Mio. Euro finanziert Deutschland im Rahmen des G8-Programms den Bau des Langzeitzwischenlagers und eines Entsorgungszentrums. Etwa 40 Prozent der Summe flie\u00dfen \u00fcber Auftr\u00e4ge an deutsche Unternehmen zur\u00fcck. Ein Konsortium der Konzerne Hochtief und MAN errichtet die Reparaturhalle, das Rostocker Maschinenbauunternehmen IMG lieferte ein Schwerlastsystem, sogar das Zementwerk kommt aus Deutschland.<\/p>\n<p>\u00dcber die Verwendung der Millionen am Polarmeer wachen die Energiewerke Nord (EWN) aus Mecklenburg-Vorpommern. Zuhause hat das Unternehmen im Bundesbesitz bereits Erfahrungen beim R\u00fcckbau von DDR-Reaktoren russischer Bauart in Rheinsberg und Greifswald gesammelt.<\/p>\n<p>Projektleiter Detlef Mietann kommt mit den Russen gut zurecht. Er spricht nicht nur ihre Sprache flie\u00dfend, er teilt auch ihre Leidenschaft f\u00fcrs Angeln. Trotz dieser Gemeinsamkeiten war der Anfang nicht leicht. Die deutschen Projektmitarbeiter mussten sich das Vertrauen ihrer russischen Kollegen erarbeiten, erz\u00e4hlt Mietann, der mit seiner beigen Strickm\u00fctze und der Pfeife im Mundwinkel an einen Seemann erinnert. Nur zweimal pro Monat darf der Projektleiter aus Lubmin anreisen und die Baustelle inspizieren. In den ersten Jahren wurden die EWN-Mitarbeiter bei jedem Besuch in dem streng bewachten milit\u00e4rischen Sperrgebiet von Mitarbeitern des russischen Geheimdiensts FSB begleitet. Dass gerade Deutsche die Entsorgung der sowjetischen Nordflotte \u00fcbernehmen, sei f\u00fcr einige Russen schon &#8220;gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig&#8221; gewesen, r\u00e4umt Mietann ein. Auch das Prinzip &#8220;Zuerst die Arbeit, dann das Geld&#8221; wurde zun\u00e4chst nur widerwillig akzeptiert.<br \/>\nEndlagerung verursacht immense Kosten<\/p>\n<p>Neben dem 5,5 Hektar gro\u00dfen Zwischenlager, wo bereits 33 Reaktorsektionen abgewrackter U-Boote aufgebockt sind, entsteht das Fundament f\u00fcr das Entsorgungszentrum, das einmal den Atomm\u00fcll aus dem gesamten Nordwesten Russlands aufnehmen soll. Die Arbeiten gehen nur langsam voran. Schnee und Minusgrade gibt es fast das ganze Jahr \u00fcber. Die Arbeiter stellen mit riesigen Heizstrahlern beheizte W\u00e4rmezelte auf. 2014 soll alles fertig sein.<\/p>\n<p>Bis dahin m\u00fcssen die rund 170 Meter langen U-Boote zun\u00e4chst in die nahe gelegene Nerpa-Werft geschleppt und dort in ihre Einzelteile zerlegt werden. Das Zers\u00e4gen eines Schiffs kostet allein rund sechs Millionen Euro. Abgebrannte Brennst\u00e4be werden ins Atomm\u00fclllager nach Majak in der Region Tscheljabinsk transportiert, die stark verstrahlten Reaktorsektionen in einer Art Sarkophag konserviert und mit Speziallack gesch\u00fctzt. Alle zehn Jahre muss dieser Lack erneuert werden.<br \/>\nTausende Brennst\u00e4be warten auf Entsorgung<\/p>\n<p>Wie es mit dem neuen Entsorgungszentrum nach dem Auslaufen der globalen Partnerschaft in zwei Jahren weitergehen soll, ist unklar. &#8220;Bisher hat noch keiner der Partner erkl\u00e4rt, sich weiter engagieren zu wollen&#8221;, sagt Mietann. Angesichts der russischen Pl\u00e4ne, in den n\u00e4chsten 20 Jahren 1500 Milliarden Rubel (rund 43,5 Milliarden Euro) in den Ausbau der Atomenergie zu stecken, ist die Motivation der internationalen Partner gering, weiter die Entsorgung des russischen Atomschrotts zu finanzieren.<\/p>\n<p>Zu tun g\u00e4be es genug: Die Kola-Halbinsel ist wohl die gr\u00f6\u00dfte Atomm\u00fcllhalde der Welt. Sch\u00e4tzungen zufolge sollen sich dort 20 Prozent aller Kernreaktoren weltweit befinden &#8211; vor allem aus U-Booten, aber auch aus anderen atomgetriebenen Marineschiffen oder Leuchtfeuern. In der Andrejewa- und der Gremicha-Bucht ticken Tausende Zeitbomben. Nach den Angaben der Umweltschutzorganisation Bellona lagern allein in der Andrejewa-Bucht noch immer 21.000 ausgebrannte Brennst\u00e4be.<\/p>\n<p>Mit der Bergung des Versorgungsschiffs &#8220;Lepse&#8221; im Hafen von Murmansk soll jetzt ein dr\u00e4ngendes Problem gel\u00f6st werden. Der \u00fcber 70 Jahre Dampfer diente lange als mobiles Zwischenlager f\u00fcr die schwer besch\u00e4digten und abgebrannten Brennst\u00e4be des Atom-Eisbrechers &#8220;Lenin&#8221;. 2008 sicherte die Europ\u00e4ische Bank f\u00fcr Wiederaufbau und Entwicklung der Staatsholding Rostam rund 40 Mio. Euro zu, damit sie die Entsorgung in Angriff nimmt.<br \/>\n&#8220;Rosatom ist wie ein dunkler Wald&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Wie hoch die Kosten tats\u00e4chlich sein werden, wei\u00df niemand&#8221;, sagt Bellona-Experte Andrej Solotkow, der einst als Chemiker auf der &#8220;Lepse&#8221; arbeitete. Und unklar ist nach Einsch\u00e4tzung der Kritiker auch, ob die Millionen der Bank ihr Ziel erreichen. Denn die russische Atomindustrie ist kaum zu durchblicken. &#8220;Rosatom ist wie ein dunkler Wald. Es flie\u00dft eine Menge Geld, aber keiner wei\u00df genau, wohin&#8221;, sagt Solotkow. Externe Kontrolle gibt es praktisch nicht, unabh\u00e4ngige Experten erhalten keinen Zugang zu den Objekten. Auch die Sajda-Bucht ist f\u00fcr sie gesperrt. &#8220;Dort wird zwar sehr viel Geld investiert, aber der Prozess geht nur langsam voran&#8221;, moniert der 23-j\u00e4hrige Atomkraftgegner Witali Serwetnik von der Murmansker Organisation &#8220;Umwelt und Jugend&#8221;. Die Zutrittsbeschr\u00e4nkungen sollen nicht nur Umweltsch\u00fctzer abhalten, sondern auch andere unliebsame Besucher. Nicht erst seit den Anschl\u00e4gen auf die Moskauer Metro Ende M\u00e4rz ist die Terrorgefahr ein Thema. Das Zwischenlager ist von einer hohen Mauer mit Stacheldraht und Wacht\u00fcrmen umgeben. Und es sei so angelegt, dass es auch den Absturz einer Boeing aushalte, versichert Anatoli Warnawin vom physikalisch-technischen Kurtschatow-Institut in Moskau, das ebenfalls an dem Projekt in der Sajda-Bucht beteiligt ist. Terroristen h\u00e4tten keine Chance. &#8220;Unsere Leute k\u00f6nnen innerhalb von drei Sekunden auf einen Anschlag reagieren&#8221;, sagt Warnawin, der fr\u00fcher ebenfalls auf einem Atom-U-Boot diente.<\/p>\n<p>Die Entsorgung der Altlasten des Kalten Krieges wird noch Jahrzehnte dauern. Die Anlage in der Sajda- Bucht ist f\u00fcr 100 Jahre angelegt: 30 Jahre sind f\u00fcr die Entsorgung veranschlagt, 70 Jahre f\u00fcr die Zwischenlagerung, dann erst kann die Endlagerung vorbereitet werden. &#8220;Wir haben damals nur darauf geschaut, das Land zu verteidigen&#8221;, erinnert sich Ex-Sowjet-Offizier Ambarzumjan. &#8220;\u00dcber die Entsorgung hat sich kein Mensch Gedanken gemacht.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die USA und Russland unterzeichnen einen Vertrag zur atomaren Abr\u00fcstung. Aber wie kann das Erbe des Kalten Krieges beseitigt werden? Ein Besuch im weltgr\u00f6\u00dften Atomm\u00fclllager an der Barentssee. Von Verena Diethelm, Murmansk Ein 15 Meter langer Zylinder mit einem Durchmesser von rund zehn Metern ist alles, was von Wasgen Ambarzumjans einstigem Arbeitsplatz noch \u00fcbrig ist. Manchmal gehe er an dem 1600-Tonnen-Koloss vorbei und streichele liebevoll \u00fcber die rostbraune Oberfl\u00e4che, erz\u00e4hlt der fr\u00fchere Marinesoldat Besuchern mit einem Augenzwinkern. 25 Jahre diente der Armenier als Offizier in der sowjetischen Nordflotte auf einem von zwei Kernreaktoren angetriebenen U-Boot. Mittlerweile arbeitet er f\u00fcr die Entsorgungsfirma Sewrao, eine Tochter der russischen Staatsholding Rosatom. Die Sowjetunion ist l\u00e4ngst Geschichte und damit auch ihr einstiger Stolz: Die meisten Atom-U-Boote wurden in ihre Einzelteile zerlegt. Von 1955 bis zum Zerfall der UdSSR im Jahr 1991 produzierte die Sowjetunion mehr als 240 Schiffe mit Nuklearantrieb &#8211; so viele wie kein anderes Land der Erde. Heute wird die russische Atom-U-Boot-Flotte auf nur noch 30 Einheiten gesch\u00e4tzt. 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