{"id":18577,"date":"2017-02-26T07:04:33","date_gmt":"2017-02-26T05:04:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/?p=18577"},"modified":"2017-02-26T07:05:49","modified_gmt":"2017-02-26T05:05:49","slug":"18577","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/2017\/02\/18577\/","title":{"rendered":"Syrien-Konflikt Wie aus den demokratischen Protesten ein gnadenloser Krieg werden konnte, in dem jeder gegen jeden k\u00e4mpft Eine vermeidbare Trag\u00f6die"},"content":{"rendered":"<p>Eine vermeidbare Trag\u00f6die<\/p>\n<p>Syrien-Konflikt Wie aus den demokratischen Protesten ein gnadenloser Krieg werden konnte, in dem jeder gegen jeden k\u00e4mpft<br \/>\nEine vermeidbare Trag\u00f6die<\/p>\n<p>In Aleppo ist der Krieg zwar vorbei \u2013 eine Zukunft ist f\u00fcr viele dennoch nicht erkennbar<\/p>\n<p>Foto: Pablo Tosco\/AFP\/Getty Images<\/p>\n<p>Irgendwann wird die Geschichte des Syrien-Krieges neu geschrieben werden. Und nicht mehr viel mit der heutigen Berichterstattung gemein haben. Das syrische Drama lief in drei Akten ab.<\/p>\n<p>Der erste Akt spielte im Fr\u00fchjahr 2011. Junge Syrer demonstrierten monatelang gegen die Regierung. Das war legitim. Ich habe in Homs selbst an Demonstrationen teilgenommen. Die Reaktion der syrischen Sicherheitskr\u00e4fte war unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig und kontraproduktiv.<\/p>\n<p>Im zweiten Akt dr\u00e4ngten die geostrategischen Feinde des Assad-Regimes nach vorn: Saudi-Arabien, Katar, die USA. Sie wollten Baschar al-Assad schon lange ausschalten. Weil er Verb\u00fcndeter des schiitischen Iran war. Der war ihnen durch den t\u00f6richten Krieg von George W. Bush gegen den sunnitischen Irak zu stark geworden. Nach dem Sturz Saddam Husseins hatte die schiitische Bev\u00f6lkerungsmehrheit des Irak die Macht \u00fcbernommen und ihr Land an die Seite des Iran gef\u00fchrt. Der Irak fiel damit als strategisches Gegengewicht zum Iran aus. Teheran konnte sich nun auf einen \u201eschiitischem Halbmond\u201c st\u00fctzen, der \u00fcber den Irak und Syrien bis in den Libanon reichte.<br \/>\nGekidnappte Revolution<!--more--><\/p>\n<p>Aus diesem Bogen sollte Syrien herausgebrochen werden. Doch die Golfstaaten und die USA mussten schnell erkennen, dass Assad mit Demonstrationen nicht zu st\u00fcrzen war. Zu stark war sein systematisch aufgebauter R\u00fcckhalt bei den alawitischen, schiitischen und christlichen Minderheiten sowie in Teilen der sunnitischen Mittel- und Oberschicht, den wohlhabenden H\u00e4ndlern der gro\u00dfen St\u00e4dte.<\/p>\n<p>Die Golfstaaten, die USA, die T\u00fcrkei sowie mehrere westliche Staaten begannen deshalb ab Herbst 2011 unter amerikanischer F\u00fchrung in- und ausl\u00e4ndische Rebellen mit Waffen und Geld auszustatten. In Mittelamerika hatte diese Strategie, unliebsame Regierungen mithilfe bezahlter \u201eRebellen\u201c aus dem Sattel zu heben, ja h\u00e4ufig funktioniert. Warum nicht auch in Syrien?<\/p>\n<p>Eine friedliche demokratische Revolution war damit erledigt. Gekidnappt. Anh\u00e4nger der Demokratie spielten keine Rolle mehr. Stattdessen k\u00e4mpften bewaffnete Rebellen aus Syrien und aller Welt gegen den Milit\u00e4rapparat des Regimes und seine herbeigeeilten ausl\u00e4ndischen Verb\u00fcndeten. Aus der friedlichen syrischen Revolution wurde ein Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und Iran. Die USA \u2013 und anfangs noch relativ zur\u00fcckhaltend Russland \u2013 steuerten die K\u00e4mpfe aus der dritten Reihe. Die zunehmend schwer bewaffneten Rebellen k\u00e4mpften \u00fcberwiegend f\u00fcr einen radikal islamistischen Staat. Ich habe Unz\u00e4hlige von ihnen getroffen. In Damaskus, Daraa, Homs, Hama und vergangene Woche wieder in Aleppo. Wenn ich von Demokratie sprach, l\u00e4chelten sie milde.<\/p>\n<p>Trotz des un\u00fcbersehbaren Wechsels von legitimen demokratischen Protesten zu einem \u201eStellvertreterkrieg\u201c zweier F\u00fchrungsm\u00e4chte des Mittleren Ostens tischten die meisten westlichen Politiker und Medien der Welt weiter die l\u00e4ngst \u00fcberholte M\u00e4r vom Kampf edler Rebellen um Demokratie und Freiheit auf. Selbst die Tatsache, dass die Rebellen oft von Saudi-Arabien, einer der finstersten Diktaturen in der Region, gesponsert wurden, konnte sie nicht bewegen, einzugestehen, dass inzwischen ein ganz anderes St\u00fcck gespielt wurde.<\/p>\n<p>Im dritten Akt betraten die Hinterm\u00e4nner des Stellvertreterkrieges die B\u00fchne. W\u00e4hrend die USA und Saudi-Arabien immer unverbl\u00fcmter extremistische Rebellen, ja selbst Al Kaida-Terroristen, in ihrem Kampf gegen Assad unterst\u00fctzten, k\u00e4mpften Russland, Iran, die libanesische Hisbollah und sogar afghanische Schiitenmilizen offen an der Seite des Regimes. Inzwischen waren 50 Prozent der in Syrien k\u00e4mpfenden Rebellen Ausl\u00e4nder. F\u00fcr Demokratie k\u00e4mpfte keiner von ihnen.<br \/>\nBauern auf dem Schachbrett<\/p>\n<p>Parallel zum Kampf um die Vorherrschaft im Mittleren Osten wurde von den USA und ihren Verb\u00fcndeten sowie von Russland auch noch der IS bombardiert, der das syrisch-irakische Chaos zum Aufbau eines eigenen Staates genutzt hatte. Die Lage erwies sich als immer un\u00fcbersichtlicher. Nur der Mythos von den selbstlosen Freiheitsk\u00e4mpfern schien unverw\u00fcstlich zu sein.<\/p>\n<p>Das syrische Volk ist \u00fcber diesen Krieg aller gegen alle, an dem hunderte Rebellenorganisationen und K\u00e4mpfer aus mehr als 80 Nationen beteiligt sind, verzweifelt. Auch weil er sie zu Marionetten degradiert, zu Bauern auf dem Schachbrett der M\u00e4chtigen. Das Leid, das ich in Syrien in den zerst\u00f6rten St\u00e4dten, auf den Schlachtfeldern und in den Krankenh\u00e4usern gesehen habe, ist unbeschreiblich. Alle Beteiligten begehen Kriegsverbrechen. Es gibt keine anst\u00e4ndigen Kriege.<\/p>\n<p>Alle sind schuld an dieser Entwicklung: Regierung und Rebellen. Die Hauptverantwortung an diesem Konflikt aber tragen die Hinterm\u00e4nner, die ohne jedes pers\u00f6nliche Risiko ein friedlich zusammenlebendes Volk unterschiedlicher Ethnien und Konfessionen aufeinanderhetzten. An ihrer Spitze die Golfstaaten um Saudi-Arabien und die USA. Tagt\u00e4glich verraten sie das syrische Volk.<\/p>\n<p>Neunmal war ich w\u00e4hrend des Krieges in Syrien. Ich organisierte f\u00fcr syrische Kinder mit dem Honorar meiner B\u00fccher \u00fcber 70 Bein-und Armprothesen. Und f\u00fcr 1.000 Waisen- und Fl\u00fcchtlingskinder die Schulausr\u00fcstung. In den Augen dieser Kinder spiegelte sich das ganze Leid des geschundenen syrischen Volkes. Auch nach Syrien kommt Gott nur noch zum Weinen.<\/p>\n<p>Man kann die absurde Einseitigkeit der westlichen Berichterstattung anhand der Opferzahlen des oppositionsnahen Syrian Observatory for Human Rights (SOHR) belegen. Laut SOHR, Stand 13. Dezember 2016, starben im Syrien-Krieg 450.000 Menschen. Aber nicht nur durch eine Seite, wie in vielen Medien unabl\u00e4ssig behauptet wird. Unter den 450.000 Opfern waren 109.000 \u201eRegierungsk\u00e4mpfer\u201c, 105.000 Rebellen, davon 55.000 Nicht-Syrer, 90.000 Zivilisten und weit \u00fcber 120.000 \u201eNicht Dokumentierte\u201c. In Syrien morden alle.<\/p>\n<p>Wer die Aussagekraft der SOHR-Zahlen bezweifelt, sollte den Amnesty-International-Bericht vom 5. Juli 2016 zu den Kriegsverbrechen der Rebellen in Aleppo und Idlib lesen. Oder den Amnesty-Bericht vom 7. Februar 2017 \u00fcber Hinrichtungen im Damaszener Gef\u00e4ngnis Sednaya. Mehrfach bat ich die syrische Regierung letzte Woche um Zugang zu dem umstrittenen Gef\u00e4ngnis. Vergeblich. All das muss schonungslos aufgearbeitet werden. Nichts, gar nichts kann Kriegsverbrechen entschuldigen.<\/p>\n<p>Dass die Syrien-Berichterstattung nicht der Komplexit\u00e4t des Konflikts entspricht, zeigen auch Papiere, die der Geheimdienst des Pentagon jahrelang an das Wei\u00dfe Haus sandte. In einer Analyse vom August 2012 hei\u00dft es:<\/p>\n<p>1. Dass \u201eAl-Qaida im Irak\u201c (AQI\/ISI) und andere Extremisten den Aufstand in Syrien anf\u00fchrten \u2013 und nicht etwa demokratische Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>2. Dass dadurch \u201edie M\u00f6glichkeit eines salafistischen Hoheitsgebiets\u201c in Ost-Syrien entstehe \u2013 genau das, was der Westen und seine Verb\u00fcndeten am Golf wollten, um das syrische Regime vom Irak und vom Iran abzuschneiden.<\/p>\n<p>3. Und warnend: Der \u201eISI\u201c k\u00f6nne dadurch zusammen mit anderen Terrororganisationen im Irak und in Syrien einen \u201eislamischen Staat\u201c ausrufen.<\/p>\n<p>Die USA haben sich bei diesem Versuch, zusammen mit den Saudis das Assad-Regime durch Rebellen zu st\u00fcrzen und dadurch Iran zu schw\u00e4chen, total verzockt. Zocken will gelernt sein. Das Desaster w\u00e4re vermeidbar gewesen, h\u00e4tten sich die USA bereit erkl\u00e4rt, mit Assad zu verhandeln. So wie sie unabl\u00e4ssig mit anderen Diktatoren dieser Welt verhandeln. Wer Frieden will, muss mit seinen schlimmsten Feinden sprechen. Willy Brandt wusste das immer. Kritik daran war ihm egal.<\/p>\n<p>Ich habe zweimal mit Assad \u00fcber die M\u00f6glichkeit einer Friedensl\u00f6sung gesprochen. In Absprache mit der Bundesregierung, einmal davon zus\u00e4tzlich in Absprache mit dem Wei\u00dfen Haus. Assad machte damals \u00fcberraschend weitreichende Vorschl\u00e4ge. Der Westen ging auf keinen einzigen ein. Nicht einmal an dem angebotenen Informationsaustausch \u00fcber Al Kaida war Washington interessiert. Man wollte mit ihm einfach nicht sprechen.<\/p>\n<p>Russland hingegen hat sein Ziel erreicht, im Mittleren Osten wieder Fu\u00df zu fassen und im Konzert der Gro\u00dfen erneut mitzuspielen. Auch Assad hat wichtige Schlachten gewonnen, das syrische Volk jedoch hat den Krieg verloren. Kein Politiker dieser Welt beantwortet ihm die zentrale ethische Frage, die auch bei Saddam Hussein bis heute unbeantwortet ist: Wie viel Menschen darf man ins Elend st\u00fcrzen, um einen Diktator loszuwerden?<\/p>\n<p>Die Not der Syrer scheint die Gro\u00df- und Mittelm\u00e4chte nicht zu interessieren. Doch die Gefahr eines Fl\u00e4chenbrandes durch das Chaos in Syrien sollten die \u201eSchlafwandler\u201c in West und Ost nicht so leicht beiseite schieben. Diese Gefahr lie\u00dfe sich verringern:<\/p>\n<p>\u2022 wenn die USA endlich auf die geopolitischen Sieger Russland und Iran zugingen und gemeinsam nach einer L\u00f6sung suchten;<\/p>\n<p>\u2022 wenn Assad seinen milit\u00e4rischen Erfolg zu einem fairen Verhandlungsangebot an alle Gegner seiner Regierung nutzen w\u00fcrde, mit Ausnahme der Terrororganisationen IS und Al Kaida. Wer Frieden und Auss\u00f6hnung will, muss irgendwann damit anfangen. Assad muss Zugest\u00e4ndnisse machen: Er muss Macht abgeben und den benachteiligten Sunniten eine faire Perspektive bieten;<\/p>\n<p>\u2022 und wenn es zu einer umfassenden, nicht nur auf Syrien konzentrierten Mittel-Ost-Konferenz im Stil der KSZE k\u00e4me. Die KSZE hatte einst entscheidend dazu beigetragen, den Ost-West-Konflikt zu entsch\u00e4rfen. Doch wo sind die Staatsm\u00e4nner, die den Weltfrieden noch als Hauptziel ihrer Politik ansehen? Wenn der Westen dauerhaft in Frieden leben will, wird er in Zukunft erheblich mehr in Gerechtigkeit investieren m\u00fcssen als in Waffen.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Todenh\u00f6fer<\/p>\n<p>Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 08\/17.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine vermeidbare Trag\u00f6die Syrien-Konflikt Wie aus den demokratischen Protesten ein gnadenloser Krieg werden konnte, in dem jeder gegen jeden k\u00e4mpft Eine vermeidbare Trag\u00f6die In Aleppo ist der Krieg zwar vorbei \u2013 eine Zukunft ist f\u00fcr viele dennoch nicht erkennbar Foto: Pablo Tosco\/AFP\/Getty Images Irgendwann wird die Geschichte des Syrien-Krieges neu geschrieben werden. Und nicht mehr viel mit der heutigen Berichterstattung gemein haben. Das syrische Drama lief in drei Akten ab. Der erste Akt spielte im Fr\u00fchjahr 2011. Junge Syrer demonstrierten monatelang gegen die Regierung. Das war legitim. Ich habe in Homs selbst an Demonstrationen teilgenommen. Die Reaktion der syrischen Sicherheitskr\u00e4fte war unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig und kontraproduktiv. Im zweiten Akt dr\u00e4ngten die geostrategischen Feinde des Assad-Regimes nach vorn: Saudi-Arabien, Katar, die USA. Sie wollten Baschar al-Assad schon lange ausschalten. Weil er Verb\u00fcndeter des schiitischen Iran war. Der war ihnen durch den t\u00f6richten Krieg von George W. Bush gegen den sunnitischen Irak zu stark geworden. Nach dem Sturz Saddam Husseins hatte die schiitische Bev\u00f6lkerungsmehrheit des Irak die Macht \u00fcbernommen und ihr Land an die Seite des Iran gef\u00fchrt. Der Irak fiel damit als strategisches Gegengewicht zum Iran aus. Teheran konnte sich nun auf einen \u201eschiitischem Halbmond\u201c st\u00fctzen, der \u00fcber den Irak und Syrien bis in den Libanon reichte. 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