{"id":20206,"date":"2018-10-06T06:08:59","date_gmt":"2018-10-06T04:08:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/?p=20206"},"modified":"2018-11-11T07:07:48","modified_gmt":"2018-11-11T05:07:48","slug":"viel-ist-von-flucht-und-fluechtlingen-die-rede-in-den-letzten-jahren-meine-eigene-aus-der-sogenannten-ddr-ist-jetzt-64-jahre-her-ich-stand-kurz-vor-meinem-sechsten-geburtstag-und-obwohl-es-sich-viel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/2018\/10\/viel-ist-von-flucht-und-fluechtlingen-die-rede-in-den-letzten-jahren-meine-eigene-aus-der-sogenannten-ddr-ist-jetzt-64-jahre-her-ich-stand-kurz-vor-meinem-sechsten-geburtstag-und-obwohl-es-sich-viel\/","title":{"rendered":"Viel ist von Flucht und Fl\u00fcchtlingen die Rede in den letzten Jahren. Meine eigene aus der sogenannten DDR ist jetzt 64 Jahre her. Ich stand kurz vor meinem sechsten Geburtstag und obwohl es sich vielleicht nicht dramatisch anh\u00f6rt war diese Flucht nicht wenig be\u00e4ngstigend und au\u00dferordentlich traumatisch f\u00fcr mich."},"content":{"rendered":"<p>Unser Vorhaben, die DDR zu verlassen, ging in die Endphase.<br \/>\nAn einem Vormittag im August 1954 fuhr ich zusammen mit meiner Mutter und Gro\u00dfmutter mit der S-Bahn nach Westberlin. Wir fuhren zu meiner Gro\u00dftante Else, um auf meinen Vater zu warten, der uns erst nach Dienstschlu\u00df folgen konnte.<br \/>\nDies h\u00f6rt sich ganz undramatisch an, war es aber mitnichten. Wir hatten unsere Wohnung mit gesamtem Mobiliar zur\u00fcck lassen m\u00fcssen. Vor allem hatte ich meine geliebte Katze Muzel zur\u00fcck lassen m\u00fcssen, meine Schwester Christa und alles, was Sicherheit bedeutete. Au\u00dfer dem, was wir auf dem Leib trugen und einigen wenigen Dingen, die wir hatten in den Westen schmuggeln k\u00f6nnen, war uns nichts mehr geblieben. <!--more-->Auch hatte ich au\u00dfer meiner Negerpuppe mit Schlafaugen kein Spielzeug mehr. Wir mu\u00dften also wieder ganz von vorn beginnen. Ein Abschnitt meines Lebens war unwiderruflich beendet.<br \/>\nWir \u00fcbernachteten bei Tante Else, der Schwester meiner Gro\u00dfmutter, in der Uhlandstrasse und meldeten uns am n\u00e4chsten Morgen bei der Fl\u00fcchtlingsbeh\u00f6rde in Westberlin.<br \/>\nDer Papierkrieg begann.<br \/>\nWer, warum, weshalb geflohen, endlos Formulare ausf\u00fcllen, Fingerabdr\u00fccke von der gesamten Familie abnehmen, auch von mir F\u00fcnfj\u00e4hrigen, und schlie\u00dflich ins Aufnahmelager verfrachtet. Dort mu\u00dften wir einige N\u00e4chte mit anderen Fl\u00fcchtlingen in einem Schlafsaal in Stockbetten verbringen.<br \/>\nMeine Eltern hatten beschlossen, nicht in Berlin zu bleiben, also warteten wir darauf, von der amerikanischen Besatzung ausgeflogen zu werden.<br \/>\nNach zwei Wochen war es soweit, wir wurden in einem Bus zusammen mit anderen Fl\u00fcchtlingen zum Flughafen Tempelhof transportiert. F\u00fcr mich war es ein Riesenflugzeug, in das ich da einsteigen sollte. Ich hatte noch nie zuvor so etwas gesehen. Dieses gro\u00dfe lange Etwas mit vier Propellern, es war vermutlich eine viermotorige Pan Am, faszinierte mich sehr. Der Flug sollte nach Frankfurt am Main gehen.<br \/>\nWir waren gerade gestartet, als sich schon eine freundliche junge Dame zu mir herunter beugte und mir\u00a0Bonbons anbot. Ich wagte nicht sie anzunehmen, aber sie nickte freundlich und dr\u00fcckte sie mir in meine kleine Faust. Die Stewardess meinte, ich solle diese Bonbons lutschen, damit mir nicht \u00fcbel w\u00fcrde, ich nicht luftkrank w\u00fcrde. Ich steckte einen der Bonbons, eingesch\u00fcchtert von all den fremden Eindr\u00fccken, folgsam in meinen Mund. Die Bonbons schmeckten gut, jedoch bewahrten sie mich keineswegs von der bef\u00fcrchteten Luftkrankheit. Es dauerte nicht lange und ich mu\u00dfte die merkw\u00fcrdige T\u00fcte ben\u00fctzen, die im Netz des Sitzes vor mir steckte. Mir war entsetzlich \u00fcbel und es n\u00fctzte auch nicht viel, die winzigkleine Welt von oben zu betrachten.<br \/>\nDer Flug nach Frankfurt dauerte etwas mehr als zwei Stunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Vorhaben, die DDR zu verlassen, ging in die Endphase. An einem Vormittag im August 1954 fuhr ich zusammen mit meiner Mutter und Gro\u00dfmutter mit der S-Bahn nach Westberlin. Wir fuhren zu meiner Gro\u00dftante Else, um auf meinen Vater zu warten, der uns erst nach Dienstschlu\u00df folgen konnte. Dies h\u00f6rt sich ganz undramatisch an, war es aber mitnichten. Wir hatten unsere Wohnung mit gesamtem Mobiliar zur\u00fcck lassen m\u00fcssen. Vor allem hatte ich meine geliebte Katze Muzel zur\u00fcck lassen m\u00fcssen, meine Schwester Christa und alles, was Sicherheit bedeutete. 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