{"id":21188,"date":"2020-01-24T08:00:50","date_gmt":"2020-01-24T06:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/?p=21188"},"modified":"2020-01-24T08:00:50","modified_gmt":"2020-01-24T06:00:50","slug":"diese-kolumne-ist-nicht-nur-fuer-die-aelteren-leser-bestimmt-weil-auch-zwanzigjaehrige-an-gedaechtnisausfaellen-leiden-sie-ist-aber-besonders-erbaulich-fuer-die-grosselterngeneration-menschen-ueber","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/2020\/01\/diese-kolumne-ist-nicht-nur-fuer-die-aelteren-leser-bestimmt-weil-auch-zwanzigjaehrige-an-gedaechtnisausfaellen-leiden-sie-ist-aber-besonders-erbaulich-fuer-die-grosselterngeneration-menschen-ueber\/","title":{"rendered":"Diese Kolumne ist nicht nur f\u00fcr die \u00e4lteren Leser bestimmt, weil auch Zwanzigj\u00e4hrige an Ged\u00e4chtnisausf\u00e4llen leiden. Sie ist aber besonders erbaulich f\u00fcr die Gro\u00dfelterngeneration. Menschen \u00fcber 60 m\u00fcssen nicht zum Neurologen eilen, weil sie gestern die Haust\u00fcr zugeschlagen und den Schl\u00fcssel im Flur haben liegen lassen. Oder wenn sie Namen und Gesichter vergessen. Oder zum Schrank gehen, um einen Schal zu holen, aber pl\u00f6tzlich nicht mehr wissen, weshalb sie losmarschiert sind. Weil zum Beispiel gerade das klingelnde Telefon ablenkt."},"content":{"rendered":"<header class=\"article-header\" data-ct-area=\"articleheader\">\n<div class=\"column-heading\">\n<div class=\"column-heading__lower\">\n<div class=\"article__item\">\n<div class=\"summary\">Die Neuroforschung meldet: Demenz ist real, aber ein l\u00f6chriges Kurzzeitged\u00e4chtnis kein Beweis. An ihm leiden auch Junge. Und die Alten \u00fcberfl\u00fcgeln sie beim Denken.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"metadata metadata--column\"><time class=\"metadata__date\" datetime=\"2020-01-23T16:20:46+01:00\">23. Januar 2020,<\/time><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/header>\n<aside class=\"article-toc article__item\" data-ct-area=\"article-toc\" data-ct-row=\"page_1_of_2\" data-ct-column=\"false\">\n<details class=\"article-toc__details js-details\"><\/details>\n<\/aside>\n<p class=\"paragraph article__item\">Josef Joffe<\/p>\n<aside class=\"portraitbox article__item article__item--marginalia\">\n<div class=\"portraitbox__body\">\n<p>ist Mitglied des Herausgeberrats der ZEIT.<\/p>\n<\/div>\n<\/aside>\n<p class=\"paragraph article__item\">Denn <a class=\"\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/demenz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ged\u00e4chtnisst\u00f6rung<\/a> hat nicht unbedingt mit Alter, gar mit <a class=\"\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2019\/36\/alzheimer-diagnose-demenz-erkrankung-test\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Alzheimer<\/a> zu tun. Hier wollen wir nicht Lebenshilfe aus der Apotheker-Rundschau oder billigen Trost liefern, sondern auf die Neurologie verweisen. Genauer: auf das Buch das Neurowissenschaftlers Daniel Levitin, <em>Successful Aging \u2013 <\/em>wie man alt wird, ohne mental zu verwelken. Die Kurzfassung hat er in der <em>New York Times<\/em> ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Die zentrale Aussage lautet: &#8220;Alzheimer und <a class=\"\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2019-04\/demenz-alzheimer-angehoerige-familie-pflegeheim\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Demenzsymptome<\/a> sind real, doch ein versagendes Kurzzeitged\u00e4chtnis ist nicht unbedingt Zeichen des biologischen Verfalls.&#8221; W\u00e4re es so, k\u00f6nnten sich Vergessliche nicht an die Namen ihrer Klassenkameraden in der F\u00fcnften oder an den ersten Kuss erinnern. Das Langzeitged\u00e4chtnis k\u00f6nnen alte Menschen mit fotografischer Pr\u00e4zision aktivieren.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Junge Studenten, berichtet der Professor, k\u00f6nnen genauso schusselig sein wie die ergrauten Altvorderen. Sie wandern in den falschen H\u00f6rsaal und wissen nicht, was der Prof vor zwei Minuten gesagt hat. Nur verarbeiten sie solche Ausf\u00e4lle anders als die Alten. Sie sagen sich nicht: &#8220;Oh Gott, Demenz!&#8221;, sondern: &#8220;Verdammt, ich habe einfach zu viel zu tun!&#8221; Dann geloben sie, acht statt vier Stunden zu schlafen.<!--more--><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Dagegen ersp\u00e4hen Senioren alsgleich das Menetekel an der Wand. Der Neurobiologe Levitin kontert: Ab 30 schrumpfe zwar fast unmerklich das Kurzzeitged\u00e4chtnis, aber das Desaster bleibe aus, so denn keine pathologische Gehirnver\u00e4nderung vorliegt. Zitat: &#8220;Selbst die \u00c4ltesten zeigen wenig oder keinen Verfall kognitiver F\u00e4higkeiten nach 85 oder 90, wie 2018 eine Studie berichtete.&#8221;<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Doch t\u00fcttelig sind so viele Grauk\u00f6pfe; also muss die mentale Degeneration schuld sein &#8230; Derlei Selbstdiagnose sei \u00fcberhaupt nicht zwingend, r\u00e4soniert Levitin und greift dabei zu einer Metapher jenseits der Neurowissenschaft.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Die Alten, die so viel erlebt und gespeichert haben, m\u00fcssen einfach mehr Gigabytes auf ihrer biologischen Festplatte durchsuchen, was logischerweise mehr Zeit erfordert. Deshalb gr\u00fcbeln und z\u00f6gern sie, bis sie einen Namen gefunden haben. Aber der ist nicht weg, sondern nur besser versteckt. Die Nadel ist so klein, der Heuhaufen so gro\u00df. Die Jungen m\u00fcssen dagegen nur die Halme durchsuchen, die sie nicht in sieben, sondern nur zwei Jahrzenten gesammelt haben.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Was neu hinzukommt, muss sozusagen gegen die \u00dcberf\u00fcllung ank\u00e4mpfen, um sich ein gut sichtbares Pl\u00e4tzchen zu verschaffen. Solch eine \u00dcberladung haben auch Computersimulationen menschlicher Ged\u00e4chtnissysteme gemessen. Suchet und ihr werdet finden. Die Jungen sind blo\u00df schneller am Ziel, weil ihr Weg k\u00fcrzer ist.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Nun zu den noch besseren Nachrichten. Die Alten haben gerade <em>wegen<\/em> ihrer vollgespickten Festplatte einen erklecklichen Vorteil. Ihre Erfahrung bef\u00e4higt sie, Muster besser zu erkennen und Verbindungen zwischen Daten herzustellen. Levitin: &#8220;Wenn Sie zum R\u00f6ntgen m\u00fcssen, dann lieber zu einem 70- als zu einem 30-J\u00e4hrigen.&#8221; Die \u00c4lteren sehen mehr, nachdem sie Tausende von Bildern begutachtet haben. Mit ihrer Erfahrung k\u00f6nnen die Bejahrteren auch besser voraussagen, was kommen wird. Unsere Eltern hatten recht mit ihrer Warnung vor d\u00fcnnem Eis und knurrenden Hunden.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">An diesem Punkt winkt so mancher Alte ab: &#8220;Das haben wir doch schon immer gewusst.&#8221; Richtig, aber inzwischen best\u00e4tigt die Neurowissenschaft solche probaten Spr\u00fcche. Was aber tun, wenn man trotzdem in die <a class=\"\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2017\/41\/demenz-erkrankung-jung-alzheimer-gedaechtnisstoerung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vergesslichkeitsfalle <\/a>ger\u00e4t? Zwei absolut unwissenschaftliche Experten liefern brillante Ratschl\u00e4ge.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Der eine ist der gro\u00dfe amerikanische Komiker Groucho Marx. Als er einmal in Verlegenheit geriet, blickte der dem Gegen\u00fcber treuherzig in die Augen: &#8220;Ich vergesse nie ein Gesicht, aber bei Ihnen mache ich eine Ausnahme.&#8221; Probieren Sie es. Die Peinlichkeit l\u00f6st sich sofort im Lachen auf.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Der zweite hei\u00dft Gerhard Schr\u00f6der. Wie er es denn schaffe, stets ein paar Hundert Namen parat zu haben, etwa bei einem Parteitag? &#8220;Ich lege der Genossin liebevoll die Hand auf die Schulter und frage: Wie hei\u00dft du noch mal? \u2013 &#8220;Susi.&#8221; \u2013 &#8220;Aber das wei\u00df ich doch, nur der Nachname ist mir gerade entfallen.&#8221; Antwortet sie indes mit &#8220;Wiedemann-Holzberger&#8221;, dann geht es umgekehrt: &#8220;Ja klar, wei\u00df ich, aber was ist dein Vorname?&#8221; Susi nennt den bereitwillig. Wieder ein Faux pas aus der Welt.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Solche Taktiken m\u00fcssen Senioren beherrschen, weil sie l\u00e4nger stochern m\u00fcssen als Junioren. Trotzdem: Was wie <span class=\"rtr-schema-org\"><a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/demenz\">Demenz<\/a><\/span> anmutet, besagt die Neuroforschung, ist so oft nur der Fluch der \u00fcberf\u00fcllten Festplatte. Bei aller Vergesslichkeit sei nicht der Segen zu ignorieren: die Suchmaschine im Kopf, die im Erwachsenengehirn auf 2,5 Millionen Gigabytes zur\u00fcckgreifen und den erl\u00f6senden Groucho- oder Gerhard-Gambit aufrufen kann. Die Jungen sind schneller, die Alten schlauer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Neuroforschung meldet: Demenz ist real, aber ein l\u00f6chriges Kurzzeitged\u00e4chtnis kein Beweis. An ihm leiden auch Junge. Und die Alten \u00fcberfl\u00fcgeln sie beim Denken. 23. Januar 2020, Josef Joffe ist Mitglied des Herausgeberrats der ZEIT. Denn Ged\u00e4chtnisst\u00f6rung hat nicht unbedingt mit Alter, gar mit Alzheimer zu tun. Hier wollen wir nicht Lebenshilfe aus der Apotheker-Rundschau oder billigen Trost liefern, sondern auf die Neurologie verweisen. Genauer: auf das Buch das Neurowissenschaftlers Daniel Levitin, Successful Aging \u2013 wie man alt wird, ohne mental zu verwelken. Die Kurzfassung hat er in der New York Times ver\u00f6ffentlicht. Die zentrale Aussage lautet: &#8220;Alzheimer und Demenzsymptome sind real, doch ein versagendes Kurzzeitged\u00e4chtnis ist nicht unbedingt Zeichen des biologischen Verfalls.&#8221; W\u00e4re es so, k\u00f6nnten sich Vergessliche nicht an die Namen ihrer Klassenkameraden in der F\u00fcnften oder an den ersten Kuss erinnern. Das Langzeitged\u00e4chtnis k\u00f6nnen alte Menschen mit fotografischer Pr\u00e4zision aktivieren. Junge Studenten, berichtet der Professor, k\u00f6nnen genauso schusselig sein wie die ergrauten Altvorderen. Sie wandern in den falschen H\u00f6rsaal und wissen nicht, was der Prof vor zwei Minuten gesagt hat. Nur verarbeiten sie solche Ausf\u00e4lle anders als die Alten. 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