{"id":25,"date":"2007-06-08T12:52:29","date_gmt":"2007-06-08T10:52:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/2007\/06\/08\/gewitter-im-klo\/"},"modified":"2008-08-17T10:13:32","modified_gmt":"2008-08-17T08:13:32","slug":"gewitter-im-klo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/2007\/06\/gewitter-im-klo\/","title":{"rendered":"Gewitter im Klo"},"content":{"rendered":"<p>Der Sommer 1959 war ein au\u00c3\u0178erordentlich sch\u00c3\u00b6ner, hei\u00c3\u0178er aber gleichzeitig auch sehr schw\u00c3\u00bcler Sommer.<br \/>\nEs passierte viel in diesen paar Monaten. Zum Beispiel besuchte uns wieder Mal meine Schwester Christa zusammen mit Schwager Dietrich und f\u00c3\u00bcnfj\u00c3\u00a4hriger Nichte Birgit. Wie immer, wenn Christa anwesend war, wurde es turbulent. Alles drehte sich haupts\u00c3\u00a4chlich um sie, alle anderen, <!--more-->vor allem Birgit und ich wurden zu Statisten degradiert.<br \/>\nDie kleine Familie lebte seinerzeit noch immer in Ost-Berlin bei Schwiegervater Bruno, seines Zeichens Buchhalter, und Schwiegermutter Emmi in einer relativ winzigen Wohnung am Prenzelberg. Dietrich hatte schon seine Ausbildung als Ingenieur beendet und pendelte jeden Tag von Ostberlin nach Westberlin zu seiner Arbeit bei Osram.<br \/>\nUm \u00c3\u00bcberhaupt in den Westen zu uns zu kommen, bedurfte es jedes Mal einer h\u00c3\u00b6chst umst\u00c3\u00a4ndlichen beh\u00c3\u00b6rdlichen Genehmigung der DDR.<br \/>\nF\u00c3\u00bcr ein paar Wochen konnten sie der Enge der einschlossenen Stadt Berlin entkommen. Sie wollten etwas erleben, etwas von der Welt sehen. Die Welt bedeutete in diesem Fall das nahe gelegene Holland.<br \/>\nWir buchten eine Busfahrt zum holl\u00c3\u00a4ndischen Seebad Scheveningen.<br \/>\nWir, das waren meine Schwester, mein Schwager, meine Nichte Birgit, mein Vater und ich. Meine Mutter blieb auch diesmal, wie so oft, zu Hause bei meiner Gro\u00c3\u0178mutter. Ich konnte kaum erwarten, zum ersten Mal in meinem Leben an die Nordsee zu kommen.<br \/>\nNat\u00c3\u00bcrlich wurde mir auch diesmal \u00c3\u00bcbel im Bus und ich k\u00c3\u00a4mpfte l\u00c3\u00a4ngere Zeit mit dem \u00c3\u0153bergeben. Irgendwann aber war die Landschaft, die an den Fenstern vorbei flog, interessanter und ich verga\u00c3\u0178 meinen Kotzreiz v\u00c3\u00b6llig.<br \/>\nSchneller als ich vermutet hatte, war die Fahrt vorbei und wir waren in Scheveningen. Schon allein die Stadt war beeindruckend, war ganz anders als die mir bekannten deutschen St\u00c3\u00a4dte. Alle H\u00c3\u00a4user sahen so sauber und wei\u00c3\u0178 aus, nicht so schmutzig und verschwiemelt wie im Ruhrgebiet. Auch gab es hier keine Gardinen an den Fenstern, wie bei uns in Deutschland. Jeder konnte in die Wohnungen hinter den Scheiben sehen. Die Stra\u00c3\u0178en innerhalb der Stadt waren nicht asphaltiert, sondern mit kleinen roten flachen Backsteinen belegt. Alles war anders und fremd. In der N\u00c3\u00a4he des Strandes, der breiten Strandpromenade, waren die H\u00c3\u00a4user noch gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178er, noch beeindruckender, wei\u00c3\u0178er, schloss\u00c3\u00a4hnlicher und mit Stuck behaftet.<br \/>\nNachdem wir uns in einem Gartenlokal ausgeruht hatten, ging es endlich an den hei\u00c3\u0178 ersehnten Strand. Der war genauso beeindruckend breit wie die Promenade davor. Zum Gl\u00c3\u00bcck war nicht Ebbe und wir beiden Kinder konnten ein bisschen im Wasser waten. Ich wollte endlich im Sand buddeln, genug davon war ja da. Die Erwachsenen suchten sich schlie\u00c3\u0178lich einen Platz am Strand und ich konnte mich ausruhen, alles auf mich wirken lassen. Mitgebrachte Brote und hart gekochte Eier wurden ausgepackt und verteilt. Als ich mein Ei abgepellt hatte, meinte Birgit Sandfliegen spielen zu m\u00c3\u00bcssen. Der Sand flog genau in meine Richtung und auf mein Ei. Ich wurde w\u00c3\u00bctend, aber es brachte nichts, selbst nachdem Christa mein Ei abgewischt hatte, war es unbrauchbar. Ich versuchte, es trotzdem zu essen, aber es knirschte grauenhaft zwischen den Z\u00c3\u00a4hnen. Ich spuckte und war wieder mal kurz davor mich zu \u00c3\u00bcbergeben.<br \/>\nAm Sp\u00c3\u00a4tnachmittag ging es wieder zur\u00c3\u00bcck nach Hause \u00c3\u00bcber Amsterdam. Hier wurde kurz Rast gemacht. Alle, sich im Bus Befindenden str\u00c3\u00b6mten aus, um sich mit K\u00c3\u00a4se, Butter und Schokolade einzudecken. Nicht alles, was da zusammengekauft wurde, wurde \u00c3\u00bcbrigens sp\u00c3\u00a4ter an der Grenze verzollt, es wurde geschmuggelt. Auch meine Schwester meinte, hundert Gramm K\u00c3\u00a4se kaufen zu m\u00c3\u00bcssen. Sie ging mit Birgit und mir zu einem Gesch\u00c3\u00a4ft, vor dem Holzschuhe, wahrscheinlich die des Besitzers, abgestellt waren. Ich vermutete, da\u00c3\u0178 auch wir unsere Schuhe auszuziehen hatten, aber meine Schwester machte keine Anstalten dies zu tun und ich wagte nicht, sie danach zu fragen, also gingen wir mit unseren Schuhen an den F\u00c3\u00bc\u00c3\u0178en in den Laden hinein. Er befand sich ein paar Stufen unterhalb der Stra\u00c3\u0178e, im Souterrain eines alten, sehr schmalen hohen Hauses und am Rand einer Gracht. Das Gesch\u00c3\u00a4ft war so klein, da\u00c3\u0178 es mit uns dreien und dem Besitzer mehr als \u00c3\u00bcberf\u00c3\u00bcllt war, aber es war sehr gem\u00c3\u00bctlich und wirkte eher wie ein normaler Wohnraum. Angesichts der vor der T\u00c3\u00bcr parkenden Holzschuhe, hatte ich mich gefragt, was der Mann wohl an seinen F\u00c3\u00bc\u00c3\u0178en tragen w\u00c3\u00bcrde? Er bediente uns zu meiner \u00c3\u0153berraschung barfuss. Ich fand dies zwar \u00c3\u00a4u\u00c3\u0178erst seltsam, aber vielleicht war es hier in Holland so Sitte.<br \/>\nZiemlich sp\u00c3\u00a4t am Abend waren wir wieder zur\u00c3\u00bcck in Essen. Ich sackte so todm\u00c3\u00bcde ins Bett, dass ich nicht in der Lage war .auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, mich gegen das Schlafengehen zu wehren.<br \/>\nDas sch\u00c3\u00b6ne strahlende Wetter wurde noch sch\u00c3\u00b6ner, beziehungsweise hei\u00c3\u0178er und ausgesprochen unangenehm schw\u00c3\u00bcl. Bei einem Spaziergang im Stadtpark rutschte meine f\u00c3\u00bcnfj\u00c3\u00a4hrige Nichte mitsamt ihrer Klamotten aus und landete im Stadtparkteich. Meine Schwester zog ihr schnell ihr Kleidchen aus und Birgit mu\u00c3\u0178te, was ich als oberpeinlich empfand, mit uns, nur mit ihrer Unterhose bekleidet nach Hause gehen. Ich versuchte sie auf dem gesamten R\u00c3\u00bcckweg, der nicht besonders kurz war, so gut es ging zu ignorieren.<br \/>\nEs wurde von Tag zu Tag schw\u00c3\u00bcler, so da\u00c3\u0178 jeder, bis auf mich, das unvermeidliche Gewitter kaum erwarten konnte. Ich wollte zwar auch eine Abk\u00c3\u00bchlung, jedoch auf gar keinen Fall ein Gewitter, denn ich hatte vor dem Krachen und Blitzen eine panische Angst. H\u00c3\u00a4tte es irgendein kleines Loch gegeben, so w\u00c3\u00a4re ich w\u00c3\u00a4hrend eines Gewitters hineingekrochen. Bei jedem Blitz vermutete ich, meine letzte Sekunde sei gekommen und der darauf folgende Donner gab mir den Rest.<br \/>\nMeine Angst n\u00c3\u00bctzte nichts, das Gewitter kam und es tobte wie noch nie. Die Blitze waren grell und lang und das Krachen des Donners war unglaublich. Ich rannte blind vor Angst so schnell ich konnte ins Bad, das keine Fenster hatte, um diese schrecklichen Blitze nicht mehr sehen zu m\u00c3\u00bcssen. Was ich allerdings nicht bedacht hatte, war, dass die Akustik des Donners durch den Bel\u00c3\u00bcftungsschacht um ein Vielfaches verst\u00c3\u00a4rkt wurde, denn dieser verband acht Badezimmer miteinander. Es war grauenhaft, ich sah zwar keine Blitze, h\u00c3\u00b6rte aber den schrecklichsten Donner, der sich denken l\u00c3\u00a4\u00c3\u0178t.<br \/>\nNachdem das Gewitter vorbei und ich trotz allem lebend davon gekommen war, schlich ich mich zum Rest der Familie zur\u00c3\u00bcck. Die berichteten mir, da\u00c3\u0178 der Blitz ein paar Mal in den, vom Wohnzimmer sichtbaren Funkturm, eingeschlagen war. Ich war froh, dies nicht mitbekommen zu haben. Meine Erlebnisse im Klo waren schlimm genug gewesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sommer 1959 war ein au\u00c3\u0178erordentlich sch\u00c3\u00b6ner, hei\u00c3\u0178er aber gleichzeitig auch sehr schw\u00c3\u00bcler Sommer. Es passierte viel in diesen paar Monaten. Zum Beispiel besuchte uns wieder Mal meine Schwester Christa zusammen mit Schwager Dietrich und f\u00c3\u00bcnfj\u00c3\u00a4hriger Nichte Birgit. Wie immer, wenn Christa anwesend war, wurde es turbulent. 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