{"id":66,"date":"2007-11-12T07:56:20","date_gmt":"2007-11-12T06:56:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/2007\/11\/12\/der-davidsstern-ueber-dem-sofa\/"},"modified":"2011-05-15T08:50:47","modified_gmt":"2011-05-15T07:50:47","slug":"der-davidsstern-ueber-dem-sofa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/2007\/11\/der-davidsstern-ueber-dem-sofa\/","title":{"rendered":"Der Davidstern \u00fcber dem Sofa"},"content":{"rendered":"<p>Sie hatte etwas f\u00fcr mich ungemein Sympathisches, sie war \u00fcberhaupt kein bisschen zickig und bar jeder Eitelkeit. Sie war im Gegensatz zu mir sehr sportlich und bekam Privatunterricht im Eistanz. Diese Eistanzambitionen gingen, so ging jedenfalls das Ger\u00fccht in der Schule, auf das Konto eines \u00fcbergro\u00dfen Ehrgeizes ihrer Mutter. Der Sport war keinesfalls unsere Gemeinsamkeit, es war, die <!--more-->Kreativit\u00e4t, das Zeichnen, aber vor allem das Dekorieren. Ethel wollte nach ihrer Schulzeit Dekorateurin werden.<br \/>\nWir beide schwelgten in Allmachts-und Erwachsenen Phantasien. Zusammen glaubten wir, alles erreichen und auf die Beine stellen zu k\u00f6nnen. Auch notfalls gegen den Willen unserer Eltern. Ethels Mutter war nicht mit dem Berufswunsch ihrer Tochter einverstanden, wie ich erfuhr. Sie sollte statt dessen Eiskunstl\u00e4uferin werden. Wir verb\u00fcndeten uns also, planten sogar zusammen abzuhauen, wohin auch immer. Wir hatten auch vor, eine eigene Dekorationsfirma zu gr\u00fcnden. Unsere Freundschaft war in erster Linie eine Protestgemeinschaft.<br \/>\nAuch Ethel lud ich selbstverst\u00e4ndlich ein, bei uns ein Wochenende zu verbringen. Dies gestaltete sich aber ein wenig komplizierter als seinerzeit bei meiner Freundin Jutta. Ethels Vater\u00a0 erschien bei uns und unterhielt sich ziemlich lange und ausgiebig mit meinen Eltern, bevor er mit der \u00dcbernachtung seines einzigen Kindes bei uns zustimmte. Er erkl\u00e4rte sein Verhalten mit keinem Wort. Ich empfand dies alles seltsam, aber was sollte es, ich konnte es nicht \u00e4ndern. Ethels Vater brachte seine Tochter und holte sie am darauffolgenden Tag am Sonntagnachmittag auch wieder ab. Was f\u00fcr mich z\u00e4hlte, war, es hatte Spa\u00df gemacht, wieder mal eine Wochenendschwester zu haben. Daf\u00fcr lohnte es sich schon, misstrauische V\u00e4ter in Kauf zu nehmen.<br \/>\nEinige Monate sp\u00e4ter lud mich Ethel zu ihrer Geburtstagsfeier ein. Ich sagte zu, obwohl ich auch diesmal mindestens zwei mir fremde M\u00e4dchen w\u00fcrde ertragen m\u00fcssen, die nicht so ganz mein Fall waren. Egal, ich riss mich zusammen und ging zu ihrer Feier&#8230;<br \/>\nIch war zum ersten Mal in dieser Wohnung und ich richtete es so ein dass ich der erste Gast, war. Nur nicht als Letzte erscheinen, in eine schon versammelte Runde hineinplatzen. Nachdem ich Ethel gratuliert und ihr mein Geschenk \u00fcberreicht hatte, zeigte mir meine Freundin einige R\u00e4ume der Wohnung. Ethels Mutter, eine mir \u00fcberstreng erscheinende\u00a0 Person, zeigte sich nur kurz und werkelte dann weiter in der K\u00fcche herum. Im Wohnzimmer hing \u00fcber dem Sofa statt des obligaten Gem\u00e4ldes ein Tuch mit einem gro\u00dfen Stern darauf. Ich fand das sehr ungew\u00f6hnlich, unterlie\u00df es aber, meine Freundin nach der Bedeutung dieses Sterns zu fragen. Der Rest der Wohnung wies keine weiteren Besonderheiten auf, au\u00dfer dass sie nicht besonders wohnlich wirkte, etwas steril.<br \/>\nNachdem Ethels andere G\u00e4ste erschienen waren, gab es Kaffee und Kuchen im Kinderzimmer und anschlie\u00dfend ein ziemliches Gezicke unter den eingeladenen M\u00e4dchen wegen der Auswahl der Spiele. Etwas vor der Zeit verabschiedete ich mich, sagte, ich m\u00fcsse nach Hause, denn ich hatte keinen rechten Spa\u00df an diesen endlosen Zergeleien.<br \/>\nSp\u00e4ter zu Hause berichtete ich dann meiner Mutter von dem seltsamen Stern \u00fcber dem Sofa. Ich zeichnete ihn auf und meine Mutter meinte lakonisch, bei diesem Stern m\u00fcsse es sich um den Davidstern den sogenannten Judenstern handeln. Ich war verbl\u00fcfft. Was war denn ein Judenstern??? Ich wusste damals \u00fcberhaupt noch nichts von Judenverfolgung, von Konzentrationslagern und Gaskammern. Ich fragte darum v\u00f6llig unbefangen: &#8220;Warum h\u00e4ngt \u00fcber dem Sofa von Ethels Eltern ein Judenstern?&#8221; Viel bekam ich nicht aus meiner Mutter heraus, au\u00dfer: &#8220;Vermutlich sind es Juden.&#8221;<br \/>\n&#8220;Was sind Juden?&#8221;, fragte ich. &#8220;Juden sind halt ganz normale Menschen mit einer anderen Glaubensrichtung, nicht katholisch, auch nicht evangelisch, so wie wir. Aber sonst nichts Besonderes.&#8221; Mit dieser Erkl\u00e4rung war ich f\u00fcrs erste zufrieden. Dieser ganze Religionskram spielte in meiner Beziehung zu Ethel ohnedies keine Rolle. Also, warum sollte ich mir dar\u00fcber Gedanken machen? Mir war zwar aufgefallen, dass sie nicht so wie ich zum Konfirmandenunterricht musste, es in dieser Beziehung also besser hatte als ich, aber au\u00dfer, dass ich sie darum ein bisschen beneidete, hatte es keine weitere Bedeutung f\u00fcr mich. Ich sprach sie deshalb auch nie darauf an.<br \/>\nIrgendwann hatte mir meine Freundin einmal erz\u00e4hlt, dass ihre Eltern w\u00e4hrend des Krieges in Island gelebt h\u00e4tten. Dies war zwar interessant, denn ich wusste auch schon als Kind, dass es sehr viele Kriegsfl\u00fcchtlinge gab, die in irgendeiner seltsamen Ecke der Welt gelandet waren. Ethels Eltern hatte es halt nach Island verschlagen und uns in eine andere Richtung. Warum sollte ich also fragen?<br \/>\nIch brachte diese Tatsache erst viel, viel sp\u00e4ter mit dem Stern \u00fcber dem Sofa in Verbindung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie hatte etwas f\u00fcr mich ungemein Sympathisches, sie war \u00fcberhaupt kein bisschen zickig und bar jeder Eitelkeit. Sie war im Gegensatz zu mir sehr sportlich und bekam Privatunterricht im Eistanz. Diese Eistanzambitionen gingen, so ging jedenfalls das Ger\u00fccht in der Schule, auf das Konto eines \u00fcbergro\u00dfen Ehrgeizes ihrer Mutter. 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