{"id":719,"date":"2008-12-04T07:37:57","date_gmt":"2008-12-04T06:37:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/?p=719"},"modified":"2010-02-18T15:34:15","modified_gmt":"2010-02-18T14:34:15","slug":"der-blinddarm-auf-der-bank","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kunstgalerie-barbara.de\/blog\/2008\/12\/der-blinddarm-auf-der-bank\/","title":{"rendered":"Der &#8220;Blinddarm&#8221; auf der Bank"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich es geschafft hatte, mir selbst eine<br \/>\nkleine Katze zu besorgen, hatte ich auch Mut<br \/>\nmich von meiner Mutter zu einem Bauern<br \/>\nschicken zu lassen um f\u00c3\u00bcr uns Milch zu holen.<br \/>\nIch marschierte auftragsgem\u00c3\u00a4\u00c3\u0178 in die K\u00c3\u00bcche des<br \/>\nBauernhofes um mein Anliegen vorzutragen.<!--more--> Dort<br \/>\nlag ein junger Mann, der Sohn des Hauses auf<br \/>\neiner Sitzbank und ruhte sich wahrscheinlich von<br \/>\nder Arbeit aus. Ich wu\u00c3\u0178te von meiner Mutter, da\u00c3\u0178<br \/>\ndieser bewu\u00c3\u0178te Sohn kurz zuvor eine<br \/>\nBlinddarmoperation \u00c3\u00bcberstanden hatte. Dieser<br \/>\nUmstand und die Tatsache, mit dem, der dieses<br \/>\nAbenteuer \u00c3\u00bcberstanden hatte, unverhofft<br \/>\nkonfrontiert zu sein, brachte mich derart aus dem<br \/>\nKonzept, da\u00c3\u0178 ich mich sprachlos auf dem Absatz<br \/>\nund ohne Milch umdrehte, nach Hause rannte<br \/>\nund meiner Mutter emp\u00c3\u00b6rt berichtete, ich h\u00c3\u00a4tte<br \/>\nden \u00e2\u20ac\u017eBlinddarm\u00e2\u20ac\u0153 auf einer Bank liegen sehen und<br \/>\ner sei nicht zugedeckt gewesen. Inzwischen stand<br \/>\nWeihnachten vor der T\u00c3\u00bcr.<br \/>\nIn der Gegend in der wir uns befanden, gab es<br \/>\nden Brauch am Nikolausvorabend den heiligen<br \/>\nNikolaus erscheinen zu lassen. Er ging von Haus<br \/>\nzu Haus, befragte die anwesenden Kinder, ob sie<br \/>\nartig gewesen seien und beschenkte sie schlie\u00c3\u0178lich<br \/>\nmit S\u00c3\u00bc\u00c3\u0178igkeiten. Es konnte aber auch sein, da\u00c3\u0178 er<br \/>\neinem Kind drohend die Rute zeigte, wenn es<br \/>\ndenn im Verlauf des vergangenen Jahres durch<br \/>\nUnarten zu sehr aufgefallen war.<br \/>\nIch sa\u00c3\u0178 also mit einigen Kindern zusammen im<br \/>\nWohnzimmer unserer Vermieter und harrte der<br \/>\nDinge, die da kommen sollten.<br \/>\nBevor allerdings der Nikolaus tats\u00c3\u00a4chlich erschien,<br \/>\nflippte pl\u00c3\u00b6tzlich ein kleines M\u00c3\u00a4dchen von etwa<br \/>\nvier Jahren v\u00c3\u00b6llig aus. Die Tr\u00c3\u00a4nen liefen ihr<br \/>\nherunter, w\u00c3\u00a4hrend sie entsetzt stammelte und den<br \/>\ngleichen Satz st\u00c3\u00a4ndig wiederholte: \u00e2\u20ac\u0153 Ich will ins<br \/>\nBett, ich will ins Bett, ich will ins Bett\u00e2\u20ac\u00a6\u00e2\u20ac\u009d<br \/>\nEs war schlimm, diese Angst vor einem nicht<br \/>\nechten Nikolaus miterleben zu m\u00c3\u00bcssen.<br \/>\nDieses Erlebnis erinnerte mich an die<br \/>\nWeihnachtsfeier vor genau einem Jahr. Sie wurde<br \/>\nveranstaltet von der Stadt -Be und Entw\u00c3\u00a4sserung<br \/>\nin Ostberlin. Auch damals gab es einen<br \/>\nWeihnachtsmann, der an den Tischen, an denen<br \/>\nwir Kinder mit unseren Eltern sa\u00c3\u0178en,<br \/>\nvorbeiwanderte und jedes Kind in seinen riesigen<br \/>\nSack greifen lie\u00c3\u0178, um sich ein Geschenk<br \/>\nherauszuziehen. Als dieser Weihnachtsmann vor<br \/>\nmir stand, war ich vor Angst fast v\u00c3\u00b6llig gel\u00c3\u00a4hmt.<br \/>\nIch starrte ihn entsetzt an und griff ohne zu sehen,<br \/>\nwas ich tat in den Sack. Mir war v\u00c3\u00b6llig wurscht,<br \/>\nda\u00c3\u0178 ich nur ein winziges Spielzeugauto erwischt<br \/>\nhatte, ich wollte, da\u00c3\u0178 dieser Weihnachtsmann<br \/>\nwieder verschwand.<br \/>\nIch hatte trotz allem Gl\u00c3\u00bcck, nach der Feier wurde<br \/>\njedem Kind ein gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178eres Geschenk \u00c3\u00bcberreicht<br \/>\nund mir meine Negerpuppe, die ich von der ersten<br \/>\nSekunde an abg\u00c3\u00b6ttisch liebte.<br \/>\nMeine Eltern hatten erkannt, da\u00c3\u0178 sie mir mit<br \/>\nWeihnachtsm\u00c3\u00a4nnern und Nikol\u00c3\u00a4usen keinen<br \/>\nGefallen taten, dies keine so recht funktionierende<br \/>\nForm war, mich zu erziehen, also erkl\u00c3\u00a4rten sie mir<br \/>\npraktischerweise Weihnachtsm\u00c3\u00a4nner, Nikol\u00c3\u00a4use<br \/>\nund der Einfachheit halber auch Osterhasen g\u00c3\u00a4be<br \/>\nes nicht, seien eine Erfindung der Erwachsenen.<br \/>\nDamit war ich diese \u00c3\u201engste erst einmal los, andere<br \/>\nhatte ich trotz allem noch genug. Meine, in<br \/>\nOstberlin zur\u00c3\u00bcckgebliebene Schwester war<br \/>\nunterdessen monatelanger Repressionen seitens<br \/>\nder Stasi ausgesetzt.<br \/>\nSie wurde zu Verh\u00c3\u00b6ren geladen und zu unserem<br \/>\nVerbleib ausgequetscht.<br \/>\nEs mu\u00c3\u0178 f\u00c3\u00bcr sie au\u00c3\u0178erordentlich schwer gewesen<br \/>\nsein, es mu\u00c3\u0178 sie viel Mut gekostet haben, immer<br \/>\nwieder stoisch zu behaupten, sie wisse nichts von<br \/>\nden Fluchtabsichten ihrer Eltern und sie wisse vor<br \/>\nallen Dingen nichts von unserem Verbleib.<br \/>\nMit der Zeit ebbte das Interesse der Stasi an<br \/>\nunserer Familie ab. Sie gaben es schlie\u00c3\u0178lich auf,<br \/>\nmeine Schwester weiter zu befragen.<br \/>\nChristas unnachgiebiger Charakter, ansonsten eine<br \/>\nf\u00c3\u00bcr uns gelegentlich unangenehme Eigenschaft,<br \/>\nhatte sich hier positiv ausgewirkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich es geschafft hatte, mir selbst eine kleine Katze zu besorgen, hatte ich auch Mut mich von meiner Mutter zu einem Bauern schicken zu lassen um f\u00c3\u00bcr uns Milch zu holen. 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