Allgemeines

Nicht nur die Burka muß endlich verschwinden, sondern jede Art von Verschleierung, denn sie ist ein Sinnbild für die Unterdrückung der Frau und somit das Gegenteil der Gleichberechtigung….

Interview

Alice Schwarzer: «Die Vollverhüllung eines Menschen gehört nicht in eine Demokratie»

Alice Schwarzer ist die bekannteste und wahrscheinlich streitbarste Feministin Europas. Seit Jahren kämpft sie gegen den politischen Islam; meist mit harten Bandagen. Sie sagt: «Es hilft der Mehrheit der Nichtfundamentalisten, wenn man sie vor diesen Fanatikern schützt.»

Christina Neuhaus und Simon Hehli
«Die dritte Generation der Einwanderer ist heute schlechter integriert als ihre Eltern»: die Feministin Alice Schwarzer.

«Die dritte Generation der Einwanderer ist heute schlechter integriert als ihre Eltern»: die Feministin Alice Schwarzer.

Günther Ortmann / Imago

Frau Schwarzer, in der Schweiz stimmen wir in einem Monat über eine Volksinitiative ab, die ein Verhüllungsverbot auf Verfassungsebene fordert. Würden Sie zustimmen?

Ja.

Weshalb?

Lassen Sie es mich so sagen: Die Vollverhüllung eines Menschen gehört nicht in eine Demokratie. Es ist schon bedrückend genug, dass Millionen Frauen in den sogenannten Gottesstaaten unter den Schleier gezwungen werden. Der Koran schreibt das übrigens nicht vor. Diese Tatsache haben auch die höchsten islamischen Geistlichen längst bestätigt. Begründet wird der traditionelle und vom Siegeszug der Islamisten neu befeuerte Verschleierungszwang damit, dass Haar und Körper einer Frau «Sünde» seien. Nur der eigene Mann soll seine Frau sehen – alle anderen Männer würden dadurch gereizt.

Eine Nikabträgerin sagte kürzlich im NZZ-Interview, der Nikab schütze sie gegen Männerblicke.

Ein eigenartiges Männerbild: Als wären Männer Tiere, die sich auf jede nicht verhüllte Frau stürzten. Es geht zudem nicht nur um subjektive Befindlichkeiten, sondern auch um objektive Signale. Die Verschleierung der Frauen ist die Flagge des politischen Islam. Aber ist es das, was wir nach 200 Jahren Aufklärung und 50 Jahren Kampf um Gleichberechtigung in unseren Demokratien wollen? Verhältnisse, in denen eine Frau unsichtbar sein muss, um sich vor Männerblicken zu schützen? Ist jeder Männerblick gefährlich? Das ist doch lachhaft! Sollen Frauen sich zwischen Entblössung und Verhüllung entscheiden müssen? Zwischen Prostitution und Burka? In beiden Fällen wird ja gerne mit der «Freiwilligkeit» argumentiert. Aber Freiheit impliziert auch die Pflicht, die Menschenwürde zu achten – selbst die eigene. Wir würden ja auch nicht zulassen, dass sich ein Schwarzer halbnackt und mit Ketten an den Füssen durch Zürich schleifen lässt.

Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz sind Nikabträgerinnen auffallend oft Konvertitinnen. Sie sagen, hinter ihnen stünden oft Ehemänner und Organisationen, die die Scharia einführen wollten. Haben Sie Belege dafür?

Ein Blick in die Medienarchive genügt. Da finden wir, dass hinter jedem in Frankreich oder auch in der Schweiz bekanntgewordenen Fall provokanter Vollverschleierung ein Mann aus Marokko oder einem arabischen Land steckt, der aktiv für die Scharia eintritt. In der Tat sind es auffallend häufig Konvertitinnen, die mit Männern aus einschlägigen Ländern verheiratet sind, oft in polygamer Ehe. Die Bussgelder wegen der Verstösse gegen das Burkaverbot in Frankreich zum Beispiel zahlt seit Jahren der Franko-Algerier Rachid Nekkaz, der bei den letzten Wahlen in Algerien Ambitionen hatte, als Präsident zu kandidieren. Seine Aktionen sind also eindeutig politisch motiviert. Das sind Provokationen, die unseren Rechtsstaat verhöhnen. Ganz egal, ob es drei oder dreitausend Burkaträgerinnen sind – schon eine ist zu viel. Das ist eine Frage des humanitären Prinzips. Sie werden von der Bewegung in Iran gehört haben, wo Frauen heimlich den Tschador ausziehen und dann ein Bild, das sie mit wehendem Haar zeigt, auf Instagram posten. Ein todesmutiger Akt der Freiheit. Diesen Frauen müssen wir beistehen!

Kann es aus feministischer Sicht nicht so etwas wie selbstbestimmte Verschleierung geben?

Laut Scharia sind Frauen Unmündige. Jede Frau, die die Burka oder den Nikab freiwillig trägt, bestätigt also ihre Rechtlosigkeit. Der Verschleierungszwang ist immer verbunden mit der Scharia, nach der Frauen rechtlose Unmündige sind und Männer das Gewaltmonopol über Frauen und Kinder haben sowie über alle «Ungläubigen». Als im August 2016 die syrische Stadt Manbij vom IS befreit wurde, rissen sich die Frauen die Schleier vom Körper und machten ein Freudenfeuer damit. Diesen Millionen Frauen in den islamischen Staaten gehört meine Solidarität – und nicht der obskuren Minderheit, oft verhetzt in Moscheen und finanziert von Saudiarabien oder der Türkei, die in Demokratien für das «Recht» aufs Kopftuch auch in Schulen und die Verhüllung der Frauen in der Öffentlichkeit kämpft.

Würden Sie sagen, dass die islamische Welt ein grösseres Problem mit den Frauenrechten hat als die christlich geprägten Kulturen? Das Alte Testament ist ja auch nicht gerade ein Leitfaden zur Gleichberechtigung. Ist Religion per se antifeministisch?

So ist es. Darum zitiere ich so wenig den Koran wie die Bibel, in der ja auch so einiges Fragwürdiges steht. Mein Thema ist der Missbrauch, die Politisierung des Glaubens, diese Übergriffe im Namen Gottes auf unser Leben und unsere Freiheit. Und da sehe ich die Rolle des Vatikans bei der Abtreibung oder die der Evangelikalen in Amerika, die zu 80 Prozent Trump gewählt haben, nicht weniger kritisch als die der Gottesstaaten sowie der Agitatoren und Islamverbände in unseren demokratischen Ländern.

In Deutschland bezeichnen linke Stimmen Sie oft als «Rechtsfeministin». Trifft Sie das?

Ich bin selbst ein Teil der Linken!

Ja, aber Sie werfen der Linken vor, bei jeder Kritik am Islamismus reflexhaft «Rassismus» zu rufen.

Es ist ein alter Trick der Islamisten, die Teile der Linken solide unterwandert haben und seit einem Vierteljahrhundert auch im Westen in der Offensive sind: Sie diffamieren jegliche Kritik am politischen Islam als angebliche Kritik am Islam, dem Glauben. Eine französische Kollegin, Caroline Fourest, hat jüngst in der «Emma» geschrieben, wir linken Islamismuskritiker müssten, wenn wir die Wahrheit sagen wollten, den Mut haben, uns von den selbsternannten «Antirassisten» als «rechts» und «islamophob» diffamieren zu lassen. Habe die Ehre.

Sie hatten mehrere Zusammenstösse mit wütenden jungen muslimischen Frauen. Was antworten Sie einer Frau, die Ihnen sagt: «Wenn Sie Feministin wären, würden Sie sich dafür einsetzen, dass wir unser Kopftuch tragen dürfen?»

Zusammenstösse mit jungen Musliminnen? Ich kenne eigentlich nur die Situation, dass junge, kopftuchtragende Frauen strahlend Handyfotos mit mir machen, in Algier wie in Berlin. Aber es gab in der Tat einen Zusammenstoss, 2019 in Frankfurt. Das war eine gezielte Provokation. Dabei ging es um eine wissenschaftliche Konferenz zum Kopftuch. Es waren Kritikerinnen wie Befürworterinnen eingeladen. Dennoch hetzten fanatische «Antirassisten» gegen die gastgebende Professorin Susanne Schröter und forderten ihre Entlassung. Die Uni stellte sich hinter sie, was längst nicht mehr selbstverständlich ist.

Weil sie Angst haben, als Rassisten beschimpft zu werden?

Ich kenne viele Professorinnen und Professoren, von der Sorbonne bis zur Freien Universität Berlin, die unter dem Terror dieser Ideologen längst verstummt sind. Sie haben resigniert oder gehen in den vorgezogenen Ruhestand. Ich war auf der Konferenz in Frankfurt die Einzige, die irgendwann rausging zu den im Regen Protestierenden, um mit ihnen zu diskutieren. Mich empfing nur Gebrüll. Und als ich bei dem Versuch, ein Gespräch zu führen, eine der jungen, kopftuchtragenden Frauen an den Ellbogen tippte, schrie die: «Fassen Sie mich nicht an! Ich rufe die Polizei! Ich zeige Sie an!» Im Internet wurde mir dann das Wort im Munde umgedreht. Billigste Manipulation und Provokation. Das sind so die Methoden dieser Leute.

Viele Musliminnen und Muslime in der Schweiz sagen, die sogenannte Burka-Initiative ziele auch auf den Islam und damit auf alle Muslime. Trifft das aus Ihrer Sicht zu?

Ganz im Gegenteil: Es hilft der Mehrheit der Nichtfundamentalisten, wenn man sie vor diesen Fanatikern schützt. Ich habe es schon oft gesagt, sage es aber gerne noch einmal: Ich habe noch nie ein Wort über den Islam verloren. Der ist nicht mein Thema. Der Islam ist ein Glaube, und ich bin für Glaubensfreiheit. Mein Thema ist der politische Islam. Dieser Islamismus, der den Glauben in Geiselhaft nimmt, ist keine Religion, sondern eine faschistoide Ideologie, die nicht nur den Frauenhass predigt, sondern auch den Judenhass und die antidemokratische Scharia. Die ersten Opfer dieser Islamisten sind die ganz normalen Muslime. Sie werden von den Fanatikern auf die Knie beziehungsweise unter den Schleier gezwungen.

Wie stehen Sie zum Kopftuch?

Ich bin lediglich für ein Kopftuchverbot in Schulen und im öffentlichen Dienst. Damit verschleierte Mädchen sich wenigstens in der Schule für ein paar Stunden so frei fühlen können wie ihre nichtmuslimischen Freundinnen und weil politische Symbole nichts im Staatsdienst zu suchen haben. Sonst sollte jede Frau, die will, ein Kopftuch tragen können. Das ist doch selbstverständlich. Aber die Burka? Nein! Wir erleben ja gerade, wie behindernd und kommunikationsfeindlich schon so eine kleine Corona-Maske ist. Die Vollverhüllung verstösst nicht nur gegen die Bewegungsfreiheit und die Gesundheit des verhüllten Menschen, sondern auch gegen seine elementarste Menschenwürde.

Sie haben ein sehr zärtliches Buch über Ihre «algerische Familie» geschrieben. Werden wir im christlich geprägten Europa je zu einem entspannten, freundschaftlichen Umgang mit dem Islam finden?

Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Und genau deshalb habe ich 2018 ein Buch über diese Familie geschrieben, mit der ich seit über zwanzig Jahren befreundet bin. Das sind ganz normale Muslime, einige nur Freitagsmuslime, die meisten aber tiefgläubig. Die Freundschaft entstand über Djamila, meine Kollegin. Ich hatte sie in den 1990er Jahren, den sogenannten schwarzen Jahren, als über 200 000 Menschen Opfer des von den Islamisten angezettelten Bürgerkriegs wurden, nach Köln geholt. Sie war in Lebensgefahr, wie viele Journalistinnen und Journalisten damals. In dieser Familie habe ich wochenlang gelebt, aber nie ein Mitglied beten sehen, obwohl die meisten fünf Mal am Tag beten. Warum nicht? Für normale Muslime ist das Beten ein Dialog zwischen Mensch und Gott. Das demonstrative öffentliche Beten oder Fasten ist erst mit der Erstarkung des Islamismus nach Khomeinys Sieg 1979 in Iran aufgetaucht.

Wie hat man in Algerien auf Ihr auch auf Französisch erschienenes Buch reagiert?

Die grösste oppositionelle Zeitung Algeriens, «El Watan», hat mein Buch als «eine Liebeserklärung an Algerien» bezeichnet. Und das ist es auch. Eine Liebeserklärung an die Mehrheit der Muslime auf der Welt, die unter dem islamistischen Terror leiden. Und eine Kampferklärung an die Kräfte, die im Orient ganze Länder unter ihre Knute zwingen und im Okzident die Integration verhindern und die Demokratie bekämpfen. Sie schaffen seit Mitte der 1990er Jahre Gegengesellschaften mitten unter uns und verhetzen die jungen Männer. Die dritte Generation der Einwanderer ist heute schlechter integriert als ihre Eltern. Ausgerechnet mit diesen Fanatikern dialogisieren viele Politiker und weite Teile der Linken. Das ist nicht nur ein Verrat an unserer Demokratie, sondern auch an der Mehrheit der Muslime und Musliminnen.

Jahrgang 1948, werde ich auf dem Gut Groß-Below in Mecklenburg-Vorpommern geboren. Nach der Flucht aus der DDR, lande ich mit meinem Vater, einem Hochbauingenieur, meiner Mutter und deren Mutter über mehrere Stationen, in Rheinland-Pfalz und der Eifel, schließlich im Ruhrgebiet...

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