Ich ging ein zweites Mal durch den Scheuersack

Es sollten noch beinahe etwa zehn Jahre ins Land gehen, um etwas mehr zu mir und zu meinen Gefühlen zu stehen oder mich besser zu begreifen. Der zweite Scheuersack, durch den ich gehen musste, begann 2001. Es begann langsam. Wieder bemerkte ich nicht, dass ich mich überforderte.
Als wir 1996 begannen in Dänemark unsereUrlaube zu verbringen, fühlte ich mich eigentlich wieder ganz fit, seelisch und körperlich. Gelegentliche Zustände von undefinierbarer Trauer und auch Angstzustände durchlebte ich zwar, brachte ich aber nicht direkt in Verbindung mit den Wechseljahren. Meine Periode hatte ich noch, wenn auch seltener. Weiter fehlte mir nichts und so steigerte ich das, was ich glaubte so täglich – monatlich leisten zu müssen. Bis zum Jahre 2001 steigerten sich unsere Dänemark-Urlaube auf drei im Jahr und damit auch der Stress. Die Sache verselbstständigte sich und wurde zu einem Teufelskreis.
Eigentlich hatte ich zu mir selber finden wollen. Was ich jedoch fand war Stress, den ich selbst verursacht hatte.
Anfang 2001 merkte ich dann plötzlich, dass mir dann doch nicht mehr alles so leicht fiel. Mir war auch nicht bewusst, dass ich vor etwas davon lief.
Ich bekam stärkere Angstzustände im Frühjahr, dazu Herzklopfen und Herzrasen, ich vertrug keine Wärme. Ich fühlte mich überhaupt nicht mehr leistungsfähig.
Im Sommer-Urlaub 2001 in Dänemark spitzte sich die Situation zu. Da ich ja schon mit mir selbst nicht im Reinen war, brachte jedes zusätzliche Problem das Fass zum Überlaufen: Der elektrische Herd gab während des Kochens den Geist auf und der Kühlschrank machte heftig rappelnd und mit veitstanzähnlichen Sprüngen wegen der Hitze schlapp – ich bekam einen Nervenzusammenbruch einen Tag vor der Rückfahrt!
Ich fühlte mich absolut miserabel, machte aber zu Hause weiter wie bisher, z.B. Fahrradausflüge mit den Kindern, ich wünschte mir nichts sehnlicher als endlich richtig “abzuschwitzen”, da ich mich seit Monaten in einem Zustand befand, den man am besten als “permanente Hitzewallung” beschreiben kann. Im Herbst wurde mir dieser Wunsch dann erfüllt – ich bekam Schweißausbrüche – zunächst nur nachts und dies bewirkte, dass ich nicht mehr durchschlafen konnte, was mich immer mehr schwächte. Trotzdem erledigte ich wie gewohnt alles, als hätte sich nichts geändert, was mich verdammt viel Kraft kostete.
Zu meiner allgemeinen desolaten Konstitution kamen die Ereignisse des 11. September hinzu. Dies gab mir endgültig den Rest. Dieser Anschlag traf mich bis ins Mark. Ich fühlte mich jetzt nicht nur meinem eigenen körperlichem Terror ausgeliefert, sondern jetzt auch noch dem Terror der Attentäter.
Anfang Oktober bekam ich zunächst einen Husten, der zu einer Lungenentzündung wurde, von der ich mich Monate lang nicht erholte. Ich hatte während dieser Lungenentzündung und auch noch danach die fürchterlichsten Schweißausbrüche, die man sich vorstellen kann. Mehrmals in der Nacht musste ich vollkommen die Kleidung und den Bettbezug wechseln. Die Matratze war durchgeweicht. Ich trank fünf Liter Mineralwasser am Tag, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Ich schlief kaum noch, weil ich mir rund um die Uhr die Seele aus dem Leib schwitzte. Ich war reduziert auf meine Körperfunktionen, auf ein schwitzendes, trinkendes, sehr wenig essendes und kraftloses Wesen.

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