Zum Sport im Klimakterium oder Mein Fahrrad und ich

Seit etwa dreißig Jahren, seit ich mein erstes Rad erstand, ein Klapprad, bin ich begeisterte Fahrradfahrerin. Es war ein Rad ohne Gänge und recht lahm, aber es bedeutete schneller vorwärts kommen zu können als zu laufen und vor allem, es bedeutete Unabhängigkeit. Meinem Mann fuhr ich viel zu langsam, er hatte im Gegensatz zu mir ein normal großes Rad, womit es keine Kunst war schneller voran zu kommen.
Der erste klimakterische Einbruch 1994 machte mir und meinem Fahrrad einen Strich durch die Rechnung. Ein Glück war meine Fahrradpause nur kurz.
Bis Herbst 2001 war ich mobil und körperlich so fit, dass ich meine so geliebten Fahrradausflüge mit meinen beiden Kindern machen konnte. Im Sommer ‘01 fiel mir das nicht mehr ganz so leicht, mit etwas zu schnellem, unausgeglichenen Puls und einer Körpertemperatur kurz unterhalb 37 C°. Ich war viel schneller erschöpft als in den Jahren zuvor. Die Vorboten des Schwitzens hatten mich voll im Griff. Aber ich fuhr trotzdem stur weiter bis, ja, bis zu dem Tag im Herbst, als mir mein Rad in einer recht noblen Gegend Bremens während eines Besuchs bei meiner homöopathischen Ärztin geklaut wurde. Jetzt saß ich wirklich auf dem Trockenen. Das war kein kleiner Schock. Sich beschissen fühlen und gleichzeitig platt gelegt werden durch ein gestohlenes Rad. Der Hammer musste erst einmal verkraftet werden.
Hektisch begann ich nach einem Ersatzrad zu suchen. Aber immer, wenn man etwas zu übertrieben schnell haben will, klappt es nicht. So auch dies Mal. Ich fand zwar etwas annähernd Gleichwertiges, jedoch musste dieses Rad extra für mich hergestellt und zusammengebaut werden. Das brauchte Zeit. Kurz nach dieser Entdeckung packte mich eine Grippe mit anschließender Lungenentzündung. Gleichzeitig und anschließend hatten mich die Wechseljahre dieses Mal aber wirklich voll im Griff.
Zwar überhaupt noch nicht in der Lage Rad zu fahren ließ ich mir im Frühjahr 02 ein schickes neues Rad extra für mich herstellen.Das Dumme war nur, ich war noch längst nicht wieder fit genug, um es auszuprobieren und auch nur die Strasse einmal auf und ab zu fahren, geschweige denn, eine kurze Tour damit zu machen. Das war zwar schmerzlich, jedoch war das Gefühl, überhaupt wieder ein Rad zu haben viel wichtiger.
Es stand da und wartete auf mich, bis ich es wieder benutzen konnte, so dachte ich mir. Meinem Mann war dies mehr als unverständlich. Ein Rad zu kaufen und einfach nur hinzustellen war für ihn der blanke Irrsinn. Wie Männer nun mal sind!
Noch ein ganzes Jahr brauchte es, bis ich im Sommer darauf eines Vormittags den Mut fand, unbemerkt von meiner Familie mich auf mein neues Fahrrad zu setzen und einmal ganz kurz um den Block zu fahren. Das klappte noch ganz gut, ohne viel Schweiß. Ein paar Tage später traute ich mich dann etwa zwei Kilometer zu fahren, was ich nicht hätte tun sollen und schwitzte promt dabei wie ein Tier. Ich kam völlig schweißnass zu Hause an. Es war ganz schön frustrierend. So schwer es mir auch fiel, ich musste eben warten, bis es meinem Körper gefiel, weniger Schweißausbrüche zu haben.
Wieder stand mein Rad ein ganzes Jahr ungenutzt herum, bis zum kommenden Sommer, 2004. Ich nahm all meinen Mut zusammen und fuhr zu meinen Zahnarztterminen einen Kilometer hin und mit einem kleinen Umweg hinterher wieder zurück nach Hause. Das war genau die Strecke, die ich ohne groß unter Wasser zu stehen fahren konnte. Mein Mut wurde größer und ich wagte mit meinem Mann zwei sonntägliche Radausflüge, die nicht so glimpflich für mich abliefen und mich wieder zurück warfen. Es war deprimierend. Ich kam mir mehr als bescheuert vor, nicht wie noch ein paar Jahre zuvor normale Strecken bewältigen zu kö¶nnen. Nach jeder Fahrt war ich mehr als erschöpft.
Das war’s, bis zum Sommer vergangenen Jahres.
Eines Morgens merkte ich mit Erschrecken, der Fahrradklau hatte wieder mal zugeschlagen, der Platz, an dem mein Fahrrad gestanden hatte, war erschreckend leer. Es war weg! Ich konnte es zunächst nicht fassen. Wieder hatte ich kein Fahrrad.
Es hatte einfach zu lange ‘fahrbereit’ und unbenutzt in unserem Vorgarten gestanden.
Der Schock saß erneut. Noch einmal wollte ich dies ganz sicher nicht erleben.
Ich machte mich also daran, mein neu erstandenes doch diesmal gebrauchtes Rad regelmäßig zu benutzen. Die erste Tour machte ich gleich zum Fahrradhändler, um mir einen Lenkerkorb zu kaufen. Von da an fuhr ich zwei oder drei Mal die Woche kleine Strecken, um mich zu testen und meine Kondition ganz, ganz langsam zu verbessern.
Ich begann wirklich noch einmal ganz von vorn mit dem Fahrradfahren wie ein Kind das Laufen lernt und es klappte plötzlich irgendwie. Ich verlängerte meine Touren Stück für Stück. Mal ging es besser, mal schlechter. Wenn es mir zu anstrengend wurde und wird, gestatte ich mir mein Fahrrad ein kürzeres oder längeres Stück zu schieben.
Inzwischen fahre ich meine fünf bis sieben Kilometer pro Tag und bin wie ich meine sportlicher als ich es je war.
Jetzt zum Schluss muss noch etwas Grundsätzliches zum angeblich ”alles leichter machenden Sport” in den Wechseljahren raus. Sport und Bewegung ist wirklich löblich und sinnvoll, jedoch hat alles, wie meine Geschichte deutlich gemacht hat, seine Zeit. Jemand, der bei jeder Gelegenheit vor Wasser und Schweiß trieft, hat bestimmt keinen Spaß und keine Energie an größerer körperlicher Betätigung. Schweißausbrüche werden auch nicht geringer und weniger durch Sport, welcher Art auch immer. Im Gegenteil, Sport ist erst dann möglich, wenn der Körper nicht schon durch Hitzewallungen und Schweißausbrüche auf Hochtouren läuft. Mit anderen Worten, ich konnte deshalb mit dem regelmäßigen Fahrradtraining beginnen, weil meine Hormonumstellung schon so weit gediehen war, mein Körper mir dies gestattete. Gewaltaktionen bringen gar nichts, sie bewirken leider nur das Gegenteil.
Mein Organismus gerät, während meiner Touren immer noch mal mehr, mal weniger stark in Wallung, aber dies hält sich insgesamt in Grenzen, was es vor ein paar Jahren noch nicht tat.

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